Deutscher Gewerkschaftsbund

Was soll ich tun?

Hallo Dr. Azubi,

Um es grob zusammenzufassen war meine Ausbildung ein einziger Witz. Es ist ein sehr kleiner Werkstattbetrieb der einem großen Konzern angehört und ich hätte so was niemals erwartet. Bereits nach einem Monat den ich hier war wurde ich komplette Tage allein gelassen und den Tag darauf für Dinge die ich nach Besten Wissen gemacht habe angeschrien. Meine Ausbilderin ist nach 5 Monaten die ich im Betrieb war in Mutterschutz gegangen. Wir haben immer wieder vorübergehend Stellvertreter gehabt, die ich noch anlernen musste weil sie von der Arbeit in einer Werkstatt als auch vom Warenwirtschaftssystem keine Ahnung hatten. Ich habe alle für mich greifbaren Anlaufstellen gefragt wer denn jetzt mein Ausbilder ist, weil die Leute die als Stellvertreter hier waren keinen Ausbilderschein hatten, worauf mir nie jemand eine Antwort geben konnte, sodass mein Vater bei der IHK angerufen hat um nur mal zu Fragen wer als mein Ausbilder eingetragen ist, was immernoch die Dame war die schon seit über einem Jahr in Mutterschutz war. Die IHK hat am nächsten Tag (Ich hatte Schule) jemanden im Betrieb vorbeigeschickt der lediglich gefragt hat ob er meinen Ausbilder kennenlernen könne. Am nächsten Tag hatte ich direkt nach Arbeitsbeginn eine Dame aus der Personalabteilung am Telefon die mir offensichtlich Druck und Angst machen wollte damit ich mich nie wieder an die IHK wende (Sie sagte so was wie das ich mir hätte einen neuen Betrieb suchen müssen als meine Ausbilderin in Mutterschutz gegangen ist und das Sie mir eine Riesen Möglichkeit geben noch hier sein zu dürfen). Wäre der Umgang miteinander hier ansonsten schön gewesen, wäre ja alles ok aber mir wurde hier schon grundlos Diebstahl unterstellt, mir werden ständig irgendwelche Pornos auf dem Handy gezeigt obwohl ich mehrmals gesagt habe ich möchte das nicht sehen und ich darf mir oft irgendwas über meinen Hintern oder meine Brüste anhören was absolut unpassend ist. Mir wurden dank allem was hier im Betrieb so passiert Depressionen diagnostiziert weswegen es auch zu mehreren Krankheitstagen kam, die mir im Nachhinein immer vorgeworfen wurden und sogar nicht mit mir gesprochen wurde wenn ich nach 2 Tagen Krankheit wiederkam. Ich bin STÄNDIG alleine im Verkauf (die aus der Werkstatt die dann da sind wissen nicht mal wie der Computer angeht) und muss mich alleine um alles kümmern. Ich habe so viele Menschen über meine Situation informiert und auch mit der JAV gesprochen aber da ich zu lange gewartet habe kann mir keiner mehr richtig helfen. Ich habe nächsten Monat Abschlussprüfungen und weiß nicht wie ich diese schaffen soll. Ich denke meine eigentliche Frage ist wie ich dafür sorgen kann das mein Betrieb auch im Nachhinein nochmal richtig einen auf den Deckel kriegt und die Leute hier merken wie egoistisch und falsch Sie sich mir gegenüber Verhalten haben?

Vielen Dank im Voraus

Celina: 12.03.2018 09:00:54 |
  • RE: Was soll ich tun?

    Liebe Celina,

    vielen Dank für deine Nachricht. Wahnsinn, was du alles erdulden musstest. Ich finde es wirklich erstaunlich, dass du das solange ausgehalten hast. Tatsächlich kannst du an deiner Ausbildungssituation nachträglich nichts mehr verändern. Während deiner Ausbildung wurde von Seiten deines Betriebs wirklich massiv gegen das Berufsbildungsgesetz verstoßen. Dein Chef hat es in verschiedenen Fällen versäumt, seinen Pflichten als Ausbilder nachzukommen. Nach dem deine Ausbilderin in Mutterschutz gegangen ist, hätte dir umgehend eine fachlich und persönlich geeignete Person zur Seite gestellt werden müssen. Du hättest niemals alleine im Betrieb arbeiten dürfen und auch nicht die Hauptverantwortung für Aufgaben übertragen bekommen dürfen. Denn eigentlich bist du ja zum Lernen da. Kein Wunder, dass du dir Sorgen wegen deinem Ausbildungserfolg machst. Ich kann sehr gut verstehen, dass deine Ausbildung unter diesen schwierigen Bedingungen sehr kraftraubend war und ist. Insbesondere sexuelle Übergriffe sind kein Kavaliersdelikt und setzen den Betroffenen sehr zu. Dass das alles nicht rechtens war, weißt du ja selber. Du hast dich ja bereits zur Wehr gesetzt und versucht deine Situation zu verbessern. Schade, dass du bis dato nicht die richtigen Ansprechpartner_innen gefunden hast. Bei Dr. Azubi bist du genau richtig, denn die Gewerkschaft, setzt sich als Arbeitnehmer_innen-Vertretung auch für die Belange von Azubis ein. In Betrieben sind eigentlich die Betriebsräte die ersten Ansprechpartner_innen. Leider gibt es jene nicht in jedem Unternehmen. Falls es bei euch so eine Person gibt, solltest du dich unbedingt auch an diese wenden. Es ist die Aufgabe eines Betriebsrates sich um solche Missstände zu kümmern und die betroffenen Arbeitneher_innen bei ihren weiteren Schritten zu beraten und zu begleiten. Sollte es bei dir im Betrieb einen Betriebsrat geben, wende dich doch an diesen. Falls du dir Sorgen machst, kannst du ihn auch auf seine Verschwiegenheitspflicht hinweisen und darfst auch eine Person deines Vertrauens mit einbeziehen, wenn du dich im Gespräch so sicherer fühlst.
    Nun hast du die Frage gestellt, was du überhaupt so kurz vor Ausbildungsende noch tun kannst. Präventiv für künftige Azubis sicher einiges. Aber ob du dein Ziel erreichst, dass die betroffenen Mitarbeiter_innen oder sogar dein Chef ihre Fehler erkennen und bereuen, ist fraglich. In der Regel wissen übergriffige Personen ganz genau, dass sexuelle Belästigung nicht in Ordnung ist. Häufig wird das ganz bewusst eingesetzt, um die Opfer zu demütigen, Macht zu demonstrieren oder eigene Bedürfnisse auf egoistische Art und Weise zu befriedigen. Den wenigsten ist in dem Moment nicht bewusst, dass sie damit eine Grenze überschreiten. Oft genießen sie es sogar. Es stellt sich also die Frage, ob du ehrliche Reue oder sogar eine Entschuldigung von Herzen bekommst. Eher nicht. Wenn es das deine Hauptziele sind, könntest du enttäuscht werden. Wenn du dich aber mit einer offiziellen und schriftlichen Beschwerde an die Kammer richtest, zeigst du, dass du dir die Schikanen und schlechte Behandlung nicht gefallen lässt. Und du würdest ein Zeichen setzen: nämlich, dass sexuelle Belästigung nicht ohne Folgen bleibt. Und zwar für alle Beteiligten. Denn auch, wenn dein Chef nicht aktiv an dem Ganzen beteiligt war, hätte er dich beschützen und dafür sorgen müssen, dass die Schikanen und Übergriffe sofort enden. Er hat seinen Azubis gegenüber eine Fürsorgepflicht. Er muss gewährleisten, dass du körperlich noch seelisch unversehrt bleibst.
    Bevor du eine offizielle Beschwerde bei der Kammer einreichst, solltest du dich mit den zuständigen Ausbildungsberater_innen der Kammer in Verbindung setzen und erfragen in welcher Form sie deine diese brauchen. Manchmal müssen bestimmte Formalien eigenhalten werden, damit die Kammer einer Beschwerde offiziell nachgehen darf, ja sogar dazu verpflichtet ist. Du solltest alle Vorkommnisse genau dokumentieren. Schreibe auf wann was durch wen vorgefallen ist. Am besten wäre es, wenn du dafür auch Zeugen hättest. In der Regel braucht die Kammer auch eine Schweigepflichtentbindung von dir, damit sie deiner Beschwerde offiziell nachgehen kann. Die Kammer ist dafür zuständig, Betriebe zu prüfen und Beschwerden nachzugehen. Von daher wäre das der richtige Weg für dich. Am besten wendest du dich davor an deine Gewerkschaft vor Ort und lässt dich beraten. Dort kannst du Hier ist ein Kontakt für dich:
    ver.di vor Ort
    Sitz des Landesbezirks Niedersachsen/Bremen
Goseriede 10
30159 Hannover
    Tel.: 0511/12400-0
Fax: 0511/12400-150
E-Mail: lbz.nds-hb@verdi.de
    Landesbezirksleiter/in: Detlef Ahting Da kannst du einfach anrufen, nach einem_r Jugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....
    Da es sich bei deinen Vorwürfen nicht nur um Dinge wie unbezahlte Überstunden oder ausbleibendes Gehalt handelt, sondern auch um sexuelle Belästigung und andere Schikanen, solltest du dir vorab Gedanken darüber machen, was die erneute Auseinandersetzung mit den Vorfällen und evtl. sogar involvierten Mitarbeiter_innen macht.
    Sexuelle Belästigung ist eine Straftat. Unter Umständen könntest du sogar arbeits- bzw. zivilrechtliche Schritte einleiten. Hier würde ich mich aber zuvor ganz genau beraten lassen. Denn es kommt dabei natürlich auch Einiges auf dich zu. Informiere dich vorher genau, damit du weißt, ob du dich stark genug für die folgenden Schritte fühlst. 
Falls es an deiner Schule eine Frauenbeauftragte gibt oder eine Berufsschulsozialarbeit, kannst dich vertraulich an diese wenden und dich beraten lassen. Sie kann auch mit dir durchsprechen, was bei der Einleitung rechtlicher Schritte alles auf dich zukommt, mit welchen Fragen du voraussichtlich konfrontiert wirst und welche Formalien du einhalten solltest. Ihr könnt gemeinsam alle Möglichkeiten deine Ziele zu erreichen durchsprechen und den für dich persönlich besten Weg finden. Ich hoffe dir weitergeholfen zu haben und wünsche dir viel Kraft, die vor dir liegenden Herausforderungen zu meistern. Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße Dr. Azubi


    P.S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 13.03.2018 16:50:56


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