Deutscher Gewerkschaftsbund

Unzumutbare Aufgaben/unfaire Behandlung

Hi Dr. Azubi,
ich bin eigentlich eine sehr toughe und selbstbewusste Persönlichkeit, aber in letzter Zeit bin ich einfach nur noch niedergeschlagen. Ich bin im zweiten Lehrjahr in einem Online-Unternehmen zusammen mit einer anderen Azubine die mit mir zusammen angefangen hat. Schon die ganze Zeit über wird sie mir vorgezogen und bekommt tolle Aufgaben, an denen sie wachsen kann und wo sie viel zum Thema Marketing lernt. Ich dagegen bekomme immer nur die Deppenarbeit in den anderen Abteilungen. Vom Marketing hab ich in den zwei Jahren die ich schon da bin, noch nicht wirklich was gesehen. Mittlerweile gibt mir der Geschäftsführer (mittlerer Betrieb mit 35 Leuten) die Aufgabe, mich um einen anderen Kollegen zu kümmern, der unrechtmäßig gekündigt hat und geklagt hat. Somit zieht mich mein Chef in diese arbeitsgerichtliche Schlammschlacht mit rein. Ich musste jetzt schon zwei mal Abmahnungen oder Kündigungen aufsetzen und 30 km mit meinem privaten PKW zu dem Kollegen nach Hause fahren (alleine) und einwerfen. Dafür habe ich kein Spritgeld angeboten bekommen.
Ansonsten habe ich nur administrative Aufgaben, bin als einzige im Unternehmen für Personal zuständig, musste mich dementsprechend selbst da einarbeiten, und helfe in anderen Abteilungen aus.
Was mich aber jetzt endgültig auf die Palme bringt, ist, dass die andere Azubine jetzt auf zwei Jahre Ausbildungsdauer verkürzen durfte und einen festen Arbeitsvertrag gekriegt hat. Ich habe das nicht angeboten bekommen. Ich musste auch kämpfen, dass ich (obwohl ich ein 2er-Abi habe) auf 2,5 Jahre verkürzen darf. Ich habe schon so oft Kollegen, und auch den Chef darauf angesprochen dass ich gerne mal eine Stelle in Aussicht gestellt bekommen möchte oder zumindest mal eine Aussage bekommen möchte, wie es denn mit meiner Übernahme aussieht. Aber anstatt einer Stellungnahme bekomme ich nur schwammige Antworten und werde abgewimmelt mit "ja Prüfung ist erst im November, wir haben noch zeit, wir müssen sehen was dann in der Firma los ist, und ob es dann eine Stelle gibt". Witzigerweise schreibe ich selber die Stellen aus und kann sagen - es gibt mehr als genug! Ich weiß langsam nicht mehr was ich tun soll.

Grüße,
Emily

Emily: 13.02.2018 13:46:09 |
  • RE: Unzumutbare Aufgaben/unfaire Behandlung

    Liebe Emily,

    vielen Dank für deine Anfrage im Forum. Ich kann deinen Unmut gut verstehen. In deinem Betrieb scheint einiges nicht in Ordnung zu sein.
    Für jeden Beruf gibt es einen allgemeinen Ausbildungsrahmenplan, in dem genau steht, was du wann in deiner Ausbildung lernen sollst (Ausbildungsordnungen und Rahmenpläne findest du im Netz hier: http:/​/​www.bibb.de/​de/​berufesuche.php). Außerdem muss deinem Ausbildungsvertrag ein grober Ausbildungsplan angefügt werden, in dem der Verlauf deiner Ausbildung in deinem Betrieb aufgezeigt wird. Der Ausbilder darf dir nur Arbeiten auftragen, die dem Ausbildungszweck dienen (§14 Berufsbildungsgesetz). Leider passiert es relativ häufig, dass Auszubildende mit ausbildungsfremden Tätigkeiten beauftragt werden. Ausbildungsfremde Tätigkeiten (also Arbeiten, die nicht dem Ausbildungszweck dienen) sind z. B. regelmäßiges Putzen oder Botengänge. Alle diese Tätigkeiten sind verboten! Übrigens dienen auch unnötige Wiederholungen bereits gelernter Fähigkeiten – so genannte ausbildungsfremde Routinearbeiten – nicht dem Ausbildungszweck! Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach §102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld geahndet werden!

    Wenn die ausbildungsfremden Tätigkeiten Überhand nehmen, solltest du dich wehren, denn dann ist das Erreichen deines Ausbildungsziels gefährdet. Hier sind ein paar Tipps für dich, was du unternehmen könntest:

    1. Sprich die Situation bei deinem Chef an. Wenn kein Ausbildungsplan erstellt wurde, solltest du verlangen, dass dies so schnell wie möglich nachgeholt wird. Nenne deinem Ausbilder konkrete Inhalte, die bis jetzt fehlen und die du laut Ausbildungsrahmenplan schon können müsstest. Gehe positiv in das Gespräch und sage gleich zu Anfang, dass es dir nicht darum geht zu kritisieren, sondern vielmehr darum, deinen Beruf richtig zu lernen. Schalte außerdem (falls vorhanden) den Betriebsrat ein.

    2. Wenn das Gespräch nichts bringt, solltest du den Ausbilder schriftlich auffordern. Hebe eine Kopie des Schreibens auf.

    Sehr geehrter Herr/Frau ____________,

    laut § 14 Berufsbildungsgesetz darf der Ausbildungsbetrieb den Azubi nur mit Arbeiten beauftragen, die dem Ausbildungszweck dienen. Als Ausbilder/Meister sind Sie verantwortlich dafür, dass die Berufsausbildung entsprechend des Ausbildungsrahmenplans durchgeführt wird. Ich muss allerdings häufig auf Ihre Weisung hin ausbildungsfremde Tätigkeiten verrichten. Einige Beispiele:
(Hier müssen mit genauer Datums- und Zeitangeben die ausbildungsfremden Tätigkeiten aufgeführt werden)
Ich fordere Sie hiermit noch einmal schriftlich auf, solche Weisungen zu unterlassen und mache Sie darauf aufmerksam, dass Ihnen ein Bußgeld droht und Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich als Ausbilder nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten.

    Mit freundlichen Grüßen

    Unterschrift Azubi ____________

    3. Wenn auch das nichts bringt und sich deine Ausbildungssituation nicht verbessert, solltest du dich an deine Gewerkschaft vor Ort wenden und dir rechtliche Unterstützung holen.

    Hier ist ein Kontakt in deiner Nähe:


    ver.di Nürnberg
    Kornmarkt 5-7
    90402 Nürnberg
    Tel.: 0911/23557-0
    Fax: 0911/23557-6700
    E-Mail: bz.mfr@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    Außerdem könntest du dich an eine_nAusbildungsberater_in der Kammer/Innung wenden und mit ihm ein persönliches Gespräch vereinbaren, denn die sind dafür da, die Ausbildung in den Betrieben zu kontrollieren.
    Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten der Verkürzung. Aufgrund von allgemeinbildenden Schulabschlüssen kannst du die Ausbildung verkürzen. Bei Abiturienten kann die Ausbildung um maximal 1 Jahr gekürzt werden Bei Fachhochschulreife in der entsprechenden Fachrichtung ist eine Kürzung bis zu 2 Jahren möglich.

    Diese Verkürzung musst du gemeinsam mit deinem Ausbilder bei der zuständigen Stelle beantragen: Du brauchst also das Einverständnis deines Ausbilders. Ihr solltet den Antrag gleich zu Beginn der Ausbildung stellen. Es ist aber auch möglich, den Antrag noch im Verlauf der Ausbildung zu stellen. Die verkürzte Ausbildungszeit wird dann in deinen Ausbildungsvertrag eingetragen. Bei Fragen wende dich an die zuständige Stelle (siehe Stempel auf deinem Ausbildungsvertrag zum Beispiel IHK, oder Innung).

    Wenn du überdurchschnittliche Leistungen während der Ausbildung - insbesondere in der Zwischenprüfung - erbringst, kannst du bei der zuständigen Stelle einen Antrag auf Ausbildungszeitverkürzung stellen (§ 45 Berufsbildungsgesetz). Für den Antrag reicht in der Regel die Note „gut“ (im Durchschnitt min. 2,49) in allen prüfungsrelevanten Fächern. Die zuständige Stelle befragt dann deinen Ausbilder und die Berufsschule, ob sie dem Antrag zustimmen. Dann entscheidet die zuständige Stelle, und du erhältst einen Bescheid. Leider richten sich die Entscheidungen über eine Ausbildungszeitverkürzung oft nach der Meinung deines Ausbilders und dummerweise wollen Betriebe ihre besten Azubis selten früher ziehen lassen. Trotzdem: Falls du in der Zwischenprüfung überdurchschnittliche Ergebnisse hast, solltest du sofort den Antrag stellen! Gegen einen ablehnenden Bescheid kannst du gemeinsam mit deiner Gewerkschaft Widerspruch einlegen.

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 14.02.2018 17:11:14


Neue Antwort

Die mit '*' gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.



Absenden