Deutscher Gewerkschaftsbund

Muss ich nach der Berufsschule noch in den Betrieb?

Hallo Dr. Azubi,

ich bin derzeit 19 Jahre alt und habe im vergangenen Jahr eine Ausbildung zur Immobilienkauffrau begonnen.

Ich habe Mittwochs von 7.50 bis 15.00 Uhr und am Freitag 9.40 bis 15.00 Uhr Berufsschule. Da beide Tage bis 15 Uhr gehen, durfte ich mir aussuchen, an welchem Tag ich noch arbeiten kommen möchte. Derzeit gehe ich Mittwochs zur Berufsschule und muss im Anschluss als Einzige der Klasse (28 Mitschüler) in den Betrieb. Wir haben Blockunterricht also 4*90 min mit jeweils 2*20 min 1*30 min Pause. Ich benötige 30 min zum Betrieb und darf nur 30 min Pause machen. Ich beginne demnach um 16 und darf um 18 Uhr den Betrieb verlassen. Ist es rechtens?

Vielen Dank im Voraus für die Beantwortung meiner Frage.

Esther : 14.07.2017 19:38:28 |
Tags:
  • RE: Muss ich nach der Berufsschule noch in den Betrieb?

    Hallo Esther,
    vielen Dank für die Anfrage an unser Dr. Azubi Forum.

    Leider ist die Situation mit der Anrechnung der Berufsschulzeit auf die Arbeitszeit wirklich nicht zufriedenstellend geklärt und lässt sich somit gar nicht so einfach beantworten.

    Klar ist: Auch Volljährige sind nach dem Gesetz für den Berufsschulunterricht freizustellen, die Teilnahme am Unterricht geht der betrieblichen Ausbildung vor (§15 Berufsbildungsgesetz). Das gilt auch dann, wenn du nicht mehr schulpflichtig bist. Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat in seinem Urteil vom 26. März 2001 (Az: 5 AZR 413/99) festgelegt, wie die Berufsschulzeiten auf die Arbeitszeit angerechnet werden müssen: Die Freistellung umfasst demnach nicht nur die reine Unterrichtszeit, sondern auch die Zeiten des notwendigen Verbleibs in der Berufsschule, zum Beispiel unterrichtsfreie Zeiten, Pausen und die Wegzeiten zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieb.

    Die Berufsschulzeit ist also auf die vertragliche Arbeitszeit anzurechnen, allerdings gibt es einen Haken: Eine Freistellung ist nur dann möglich, wenn sich Unterrichtszeit und Ausbildungszeit überschneiden. Findet die Berufsschule also zu Tageszeiten statt, an denen nicht regelmäßige Ausbildung statt findet, erfolgt keine Freistellung und keine Anrechnung. Es kann also passieren, dass Auszubildende in bestimmten Fällen weit über die vertraglich geregelte Arbeitszeit hinaus Zeit in Berufsschule und Betrieb verbringen, die absolute Höchstgrenze liegt dabei bei der gesetzlich vorgeschriebenen Höchstarbeitszeit von 48 Stunden.

    Oft verlangen Ausbilder von volljährigen Azubis, dass sie nach der Berufsschule noch in den Betrieb kommen sollen. Hier gilt: Von der täglichen Arbeitszeit wird die gesamt Zeit in der Berufsschule abgezogen, falls die Berufsschule während der üblichen Arbeitszeit stattfindet. Außerdem wird der Weg von der Berufsschule in den Betrieb auf die Arbeitszeit angerechnet. Ist die Zeit, die der Azubi nach der Berufsschule noch im Ausbildungsbetrieb verbringen kann zu kurz, um dem Ausbildungszweck zu dienen – nämlich weniger als 30 Minuten, kann der Ausbilder die Rückkehr des Azubis nicht verlangen.

    Ein Beispiel:
    Ein volljähriger Azubi hat eine vertraglich vereinbarte 40-Stunden-Woche. Die betriebliche Arbeitszeit des Azubis dauert täglich von 9 bis 18 Uhr. Der Berufsschulunterricht findet einmal wöchentlich von 8 bis 13.30 Uhr statt. Für die Fahrt in den Betrieb benötigt der Auszubildende 45 Minuten. In diesem Fall muss er nach dem Berufsschulunterricht von 14.15 bis 18.00 Uhr im Betrieb anwesend sein. Da zwischen 8 Uhr und 9 Uhr keine betriebliche Ausbildung stattfindet, ist eine Freistellung in dieser Zeit nicht möglich. Nimmt man nun die Summe der Berufsschulzeiten und der betrieblichen Ausbildungszeiten, kommt der Auszubildende auf 41 Stunden wöchentliche Arbeitszeit. Diese Mehrarbeit muss er hinnehmen und zwar bis zu einer Höchstgrenze von 48 Stunden.

    Dies führt zu immensen Ungerechtigkeiten: Besonders hart trifft es Auszubildende mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten wie zum Beispiel Bäcker. Es kann aber auch vorkommen, dass Auszubildende in ein und demselben Betrieb unterschiedliche Klassen besuchen und an unterschiedlichen Tagen beschult werden. Sind die betrieblichen Ausbildungszeiten unregelmäßig, kann dies bedeuten, dass einigen Auszubildenden die Berufsschulzeit voll angerechnet wird, anderen nicht. Einige zuständige Stellen haben sich in Richtlinien für die weitere Anrechnung von acht Stunden ausgesprochen. In großen Betrieben wird die Freistellung oftmals in Betriebsvereinbarungen geregelt und es gibt auch Tarifverträge, die eine pauschale Anrechnung festlegen. Trotz des Urteils kommt es immer wieder zu starken Ungerechtigkeiten, die Situation ist für viele Auszubildende und Ausbilder unübersichtlich. Die Gewerkschaften fordern seit langem eine gesetzliche Klarstellung, aber auch im neuen Berufsbildungsgesetz hat sich nichts geändert!

    Falls dein Betrieb sich nicht an das Arbeitszeitgesetz hält, kannst du ihn bei der Gewerbeaufsicht anzeigen.

    Bitte wende dich an deine Gewerkschaft vor Ort und lass dich dort noch mal ausführlich beraten. Entscheidend ist nämlich die wöchentliche Arbeitszeit, sowie die genaue Lage der Arbeitszeit im Betrieb.
    Hier ist ein Kontakt für dich:


    Ver.di Geschäftsstelle Berlin
    Köpenicker Straße 30
    10179 Berlin
    Tel.: 030/8866-6
    Fax: 030/8866-5900
    E-Mail: bz.berlin@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_r Jugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst...
    (Generell gilt: Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand. Daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten. Schließlich treten immer wieder Probleme im Arbeitsleben auf, wie du merkst leider sogar schon während der Ausbildung. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monat.)

    Ich hoffe diese Antwort hilft dir zumindest etwas weiter. Alles Gute und viel Erfolg weiterhin für deine Ausbildung!
    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße,
    Dr. Azubi

    P.S.: Bitte empfehle unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 17.07.2017 14:44:00


Neue Antwort

Die mit '*' gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.



Absenden