Deutscher Gewerkschaftsbund

Unfall - Umschulung nach Ausbildung

Hallo Dr. Azubi,

ich bin im 3. Lehrjahr zum Konstruktionsmechaniker. Nach einem schweren Verkehrsunfall - insgesamt 4,5 Monaten Fehlzeiten und viel auf und ab, stellt sich nun heraus, dass ich den Beruf Konstruktionsmechaniker nach meiner Ausbildung nicht weiter ausüben kann.

Auf einer Ausbildungsmesse habe ich mich bereits etwas informiert und mir wurde von einigen Leuten angeraten, eine Umschulung zum technischen Produktdesigner zu machen.

Nach der total vergeigten Abschlussprüfung Teil 1, habe ich mich schulisch wieder gefangen, nehme 1x wöchentlich an Ausbildungsbegleitenden Hilfen teil und bin mittlerweile sogar Klassenbester. Die Abschlussprüfung traue ich mir also locker zu.
Im Betrieb schlage ich mich so durch - häufig allerdings mit starken Schmerzen.

Meine Befürchtung ist nun, dass ich nicht zur Abschlussprüfung Teil 2 zugelassen werde, wegen der Fehlzeiten. Dann müsste ich die Ausbildungszeit noch mal 6 Monate verlängern, wo ich so schon kaum noch weiß, wie ich die Zeit im Betrieb durchhalten soll !

Mein Ausbilder weiß und sieht auch, dass ich oft Schmerzen habe. Mit ihm offen gesprochen, habe ich aber noch nicht darüber, dass ich den Beruf nach der Prüfung nicht ausüben kann und dass ich die Prüfung unbedingt so schnell wie möglich (im Dezember) machen möchte.
Sollte ich darüber (zusammen mit meinen Eltern) mit ihm offen reden oder mir erst was anderes suchen?

Wie komme ich am besten an ein Umschulung? Kann ich mich auch bei Firmen für eine Umschulung bewerben oder muss das über die Agentur für Arbeit laufen (hier hatte ich bereits einen Infotermin)?
Wird eine Umschulung bei einem Träger der Agentur für Arbeit von Arbeitgebern genauso angesehen, wie eine Umschulung bei einer Firma?

Wenn ich mich bewerben würde, was soll ich in die Bewerbung als Grund schreiben, dass ich eine Umschulung machen möchte?

Vielen Dank für die Hilfe.

Gruß
Max

Max: 12.06.2017 16:52:55 |
Tags:
  • RE: Unfall - Umschulung nach Ausbildung

    Hallo Max,

    Danke für deine Anfrage im Forum.

    Erstmal muss ich dir meinen tiefen Respekt ausdrücken: Man merkt, wie wichtig dir deine Ausbildung ist und wie sehr du dich trotz Schmerzen und Rückschlägen reinhängst. Das ist echt super!

    Du schreibst, dass du Angst hast, nicht für den zweiten Teil der Prüfung zugelassen zu werden, wegen deiner Fehlzeiten. Bei der gestreckten Abschlussprüfung wird die Zwischenprüfung durch Teil 1 der Abschlussprüfung ersetzt. In einigen Berufen – vor allem im Metall- und Elektrobereich – finden dann zwei Prüfungen statt. In der ersten Prüfung nach etwa zwei Jahren werden deine Grundqualifikationen geprüft und bewertet. In Teil 2 der Abschlussprüfung am Ende der Ausbildung eher die Spezialkenntnisse für deinen Ausbildungsberuf. Die Ergebnisse aus Teil 1 fließen – je nach Beruf – mit bis zu 40 Prozent in das Gesamtprüfungsergebnis ein. Wenn die Abschlussprüfung in zwei Teilen durchgeführt wird, die zeitlich auseinander fallen, wird über deine Zulassung zweimal entschieden, also für jeden Teil einzeln (§44 Berufsbildungsgesetz). Um an Teil 1 teilzunehmen, musst du die Ausbildungszeit zurückgelegt haben, die laut Ausbildungsordnung notwendig ist. Voraussetzung für die Zulassung zu Teil 2 ist dann außerdem, dass du an Teil 1 teilgenommen hast.

    Du hast Bedenken, weil du innerhalb deiner Ausbildung mehr als 10% der Ausbildungszeit gefehlt hast. Die Faustregel lautet, dass die Kammern den zur Abschlussprüfung zulassen, der nicht mehr als 10% seiner Ausbildungszeit verpasst hat. Das ist allerdings eine Faustregel und die Kammern prüfen auch den Einzelfall. Ich rate dir deshalb Kontakt mit der zuständigen Kammer aufzunehmen und deinen Fall dort zu schildern. Es macht hierbei noch Sinn, einen persönlichen Termin zu vereinbaren und deine Noten vorzulegen und auch deine Krankheitsgeschichte zu schildern. Außerdem kannst du deinen Ausbilder noch mit ins Boot holen und das solltest du auch. Er muss dich für die Prüfung anmelden. Er kann dir bei der Zulassung zur Abschlussprüfung eine super Hilfe sein, wenn er der Meinung ist, dass du die Prüfung bestehen kannst.
    Das beantwortet auch deine Frage danach, ob du mit deinem Ausbilder offen sprechen solltest. Er hat über die Ausbildung hinweg gesehen, wie sehr du dich trotz Krankheit reingehängt hast. So wie ich die Situation aus der Ferne einschätzen kann, ist es gut, offen mit dem Ausbilder zu sprechen und ihn für das Ende deiner Ausbildung nochmals um Unterstützung zu bitten. Dein Ausbilder kann dir nicht kündigen, weil du dich nach der Ausbildung dazu entscheidest, einen anderen Weg zu gehen. Ich denke also nicht, dass es negative Folgen für dich haben wird, wenn du ehrlich mit deinem Gesundheitszustand bist.

    Eine weitere Frage war, an wen du dich bzgl. einer Umschulung wenden kannst. Umschulungen unterliegen der Agentur für Arbeit. Die ist in dieser Sache dein Ansprechpartner und über sie laufen auch die Bewerbungen um einen Umschulungsplatz. Insofern gibt es nur die Möglichkeit einer Umschulung über die Agentur für Arbeit und nicht über einen Betrieb.
    Bzgl. der Bewerbungen solltest du dich genau bei der Agentur für Arbeit informieren.

    Wenn du weitere Unterstützung oder Rückendeckung brauchst, kannst du dich auch jederzeit an deine örtliche Gewerkschaft wenden. Hier ist ein Kontakt für dich:

    IG Metall Geschäftsstelle Neuwied
    Strasse / Nr.: Andernacher Str. 70
    PLZ, Ort: 56564 Neuwied
    Telefon: 02631/8368-0

    Da kannst du anrufen, nach einem_r Jugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!
    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 13.06.2017 01:35:23


  • RE: Unfall - Umschulung nach Ausbildung

    Hallo Dr. Azubi,
    in der Zwischenzeit habe ich mit meinem Ausbilder offen darüber gesprochen, dass ich nach der Ausbildung auf lange Sicht nicht weiter als Konstruktionsmechaniker arbeiten kann. Er war sehr verständnisvoll und klärt mit der IHK ab, ob ich meine Abschlussprüfung Teil 2, trotz der langen Fehlzeiten, regulär im Winter machen kann.

    Bei der Agentur für Arbeit habe ich alles für eine Umschulung im kaufmännischen Bereich in die Wege geleitet. Es dauert allerdings bis zu 2 Monate, bis dies dort durch den Ärztlichen Dienst geklärt ist. Daher möchte ich mich gerne jetzt schon parallel auf Ausbildungsstellen bewerben – als 2. Ausbildung bzw. Umschulung. Laut Agentur für Arbeit gibt es in dem Fall allerdings keine Förderung. Kann ich auch ohne die Agentur für Arbeit eine Umschulung in einem Betrieb machen und die „Ausbildungszeit“ verkürzen?

    Muss ich bei der Bewerbung angeben, dass ich einen Unfall hatte und deshalb eine Umschulung bzw. 2. Ausbildung machen möchte? Wie formuliere ich das in der Bewerbung so, dass der Arbeitgeber nicht befürchtet, dass ich ständig krank sein werde? Das soll auf keinen Fall negativ rüber kommen.

    Ich habe mal ein paar Sätze für die Bewerbung formuliert:
    ...Aufgrund eines Unfalls, der 2 ¼ Jahre zurückliegt, möchte ich mich beruflich neu orientieren. (hier bleiben evtl. zu viele Fragen offen?)
    Oder:
    …Durch einen Unfall, der 2 ¼ Jahre zurückliegt, werde ich in meinem Ausbildungsberuf nicht weiter arbeiten können. Auf lange Sicht sehe ich in dem Beruf keine Zukunft, da er hohe körperliche Anforderungen mitbringt. (hier wird wahrscheinlich zu viel hineininterpretiert?)
    Oder:
    …Durch einen Unfall, der 2 ¼ Jahre zurückliegt und eine daraus resultierende Beinverletzung, werde ich in meinem Ausbildungsberuf, aufgrund der hohen körperlichen Anforderungen, nicht weiter ausüben können. Dank der Unterstützung durch meinen Ausbildungsbetrieb, Firma XY, konnte ich trotz intensiver Reha-Maßnahmen meine Ausbildung ohne Unterbrechung fortführen und zielstrebig alle versäumten Ausbildungsinhalte nachholen. Ich möchte meine berufliche Zukunft auf ein solides Fundament stellen und…(ist das zu genau?)

    Sollte ich bei dem Bewerbungsverfahren noch etwas beachten im Hinblick auf die Beinverletzung? Muss ich im Vorstellungsgespräch genau berichten, welche körperlichen Einschränkungen ich habe?

    Vielen Dank für die Hilfe.

    Gruß Max

    Max: 24.07.2017 15:05:57


  • RE: Unfall - Umschulung nach Ausbildung

    Hallo Max,

    Danke für deine erneute Anfrage. Ich finde es super, dass du mit deinem Ausbilder ein gutes Gespräch führen konntest und dass er dich so unterstützt. Es ist auch super, dass du dich schon in eine neue Richtung orientiert hast und dich schon bei der Agentur für Arbeit erkundigt hast. Die Agentur für Arbeit ist übrigens die einzige Stelle, über die du eine Umschulung machen kannst. Wenn du eine zweite Ausbildung machst, dann erhältst du keine Förderung mehr. Es ist aber auch möglich, sich ohne die Agentur für Arbeit nach Ausbildungsstellen umzusehen, allerdings machst du dann eine Zweitausbildung. Die du natürlich auch verkürzen kannst. Du bringst ja schließlich schon eine Erstausbildung mit und kannst damit auf zwei Jahre verkürzen, wenn der Betrieb damit einverstanden ist.

    Zu deiner Bewerbung. Die Beratung in diesem Forum basiert auf dem Berufsbildungsgesetz. Wir helfen eigentlich nicht bei Bewerbungen. Trotzdem will ich dir hier eine persönliche Einschätzung geben:

    Du bist nicht verpflichtet, deinen Unfall in deiner Bewerbung zu erwähnen. Du kannst auch schreiben: Nach einer erfolgreich absolvierten Berufsausbildung als Konstruktionsmechaniker, habe ich mich entschlossen, mich beruflich weiter zu entwickeln.
    Im Vorstellungsgespräch kannst du dann genauer erklären, warum du die zweite Ausbildung machen möchtest. Und jeder potenzielle Ausbilder wird den Hut vor deiner Leistung ziehen: Du hast trotz schwieriger Umstände deine Ausbildung zu Ende gebracht und das zeigt, dass du einen starken Willen hast und für deine Ziele kämpfst.

    Aber folgende Version gefällt mir auch sehr gut:
    …Durch einen Unfall, der 2 ¼ Jahre zurückliegt und eine daraus resultierende Beinverletzung, werde ich in meinem Ausbildungsberuf, aufgrund der hohen körperlichen Anforderungen, nicht weiter ausüben können. Dank der Unterstützung durch meinen Ausbildungsbetrieb, Firma XY, konnte ich trotz intensiver Reha-Maßnahmen meine Ausbildung ohne Unterbrechung fortführen und zielstrebig alle versäumten Ausbildungsinhalte nachholen. Ich möchte meine berufliche Zukunft auf ein solides Fundament stellen und…

    Das zeigt wiederum wie sehr du dich reingehängt hast und das zeigt auch, dass du in deiner jetzigen Firma ein hohes Ansehen genossen hast und man alles getan hat, um dir zu helfen. Wenn ich das lesen würde, würde ich dich zum Gespräch einladen. Aber wir sind hier leider nicht die Profis in Sachen Bewerbung. Du solltest dich deshalb nochmal mit deiner Frage an die Agentur für Arbeit wenden.

    Toll wäre natürlich, wenn du einen Ausbildungsplatz in einem Betrieb finden würdest, der in deiner jetzigen Branche tätig ist. Da kannst du mit deinem Vorwissen doppelt punkten.

    Wir wünschen Dir für deinen weiteren Weg alles alles Gute

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi
    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 25.07.2017 14:46:54


Neue Antwort

Die mit '*' gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.



Absenden