Deutscher Gewerkschaftsbund

Betriebswechsel

Hallo...

derzeit bin ich im 1 Lehrjahr und ehrlich gesagt hab ich bis zum heutigen Tag nur das Anlegen und Sortieren von Akten gelernt.
Ab und zu darf ich zum Flughafen fahren weil nicht genug Lagerarbeiter vorhanden sind oder auch Kaffe holen.

So, nun wurde ich auch zur Arbeit zitiert obwohl ich eine Krankmeldung hatte, mit dem Kommentar ,,wenn Sie nicht heute kommen dann am Samstag´´
(der betrieb hat samstags geschlossen)

Was mir den rest gegeben hat war das Kommentar, das ich hier nur sitze wegen dem Blondinen Bonus, da die Herren lieber lieber eine Junge Blonde Dame im Büro sitzen haben wollen als einen Kerlen..

Meine Frage nun.. wie kann ich schnellstmöglich hier raus und wie finde ich einen neuen Betrieb ohne das es in der Bewerbung komisch klingt, das ich gewechselt habe..

Bitte um hilfe..

Alena : 12.06.2017 15:21:22 |
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  • RE: Betriebswechsel

    Hallo Alena,

    Danke für deine Anfrage im Forum. Ich kann gut verstehen, dass du dich maßlos über die dämlichen und sexistischen Kommentare ärgerst und dass du den Ausbildungsplatz wechseln möchtest.

    Erstmal möchte ich dir aber ein paar rechtliche Infos geben.
    Diskriminierung und Mobbing:
    Dein Ausbilder hat dir gegenüber eine Fürsorgepflicht (§14 Berufsbildungsgesetz). Das heißt, dass er dich vor Anfeindungen und Diskriminierungen schützen muss. Das mit dem „Blondinenbonus“ ist definitiv eine Diskriminierung und dein Ausbilder hätte an dieser Stelle eigentlich dazwischen gehen müssen.

    Arbeiten trotz Krankheit:
    Wenn du krank bist, bist du krank und kannst nicht arbeiten. Da du eine Krankmeldung hattest, hättest du gar nicht erst zur Arbeit gehen dürfen. Dadurch gefährdest du deine Gesundheit. Du bist übrigens auch nicht dazu verpflichtet, während deiner Krankheit oder auch während deiner Freizeit telefonisch für den Betrieb erreichbar zu sein.

    Ausbildungsqualität / ausbildungsfremde Tätigkeiten:
    Du schreibst, dass du das Gefühl hast, keine Ausbildungsinhalte für deinen Beruf erlernt zu haben. Für jeden Beruf gibt es einen allgemeinen Ausbildungsrahmenplan, in dem genau steht, was du wann in deiner Ausbildung lernen sollst (Ausbildungsordnungen und Rahmenpläne findest du im Netz hier: http:/​/​www.bibb.de/​de/​berufesuche.php). Außerdem muss deinem Ausbildungsvertrag ein grober Ausbildungsplan angefügt werden, in dem der Verlauf deiner Ausbildung in deinem Betrieb aufgezeigt wird. Der Ausbilder darf dir nur Arbeiten auftragen, die dem Ausbildungszweck dienen (§14 Berufsbildungsgesetz). Leider passiert es relativ häufig, dass Auszubildende mit ausbildungsfremden Tätigkeiten beauftragt werden. Ausbildungsfremde Tätigkeiten (also Arbeiten, die nicht dem Ausbildungszweck dienen) sind z. B. regelmäßiges Putzen oder Botengänge. Alle diese Tätigkeiten sind verboten! Übrigens dienen auch unnötige Wiederholungen bereits gelernter Fähigkeiten – so genannte ausbildungsfremde Routinearbeiten – nicht dem Ausbildungszweck! Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach §102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld geahndet werden!

    Allein Arbeiten:
    Du schreibst, dass dir damit gedroht wurde, du müsstest am Samstag kommen, wenn du während deiner Krankheit nicht kommst. Und das obwohl am Samstag der Betrieb geschlossen ist. Ich gehe davon aus, dass du dann am Samstag alleine gearbeitet hättest. Ausbildung kann nur dann stattfinden, wenn am Ausbildungsplatz ein Ausbilder oder ein Ausbildungsbeauftragter anwesend ist, der dich ausbildet. Laut § 14 Abs. 1 Nr. 2 des Berufsbildungsgesetzes (BBIG) muss der Ausbildende selbst ausbilden oder einen Ausbilder oder eine Ausbilderin ausdrücklich damit beauftragen. Der Ausbilder oder die Person, die mit der Ausbildung beauftragt ist, muss dem Azubi Fragen beantworten und ihn in Arbeitsvorgänge einweisen. Er oder sie muss seine Arbeitsergebnisse kontrollieren und dafür sorgen, dass der Azubi alle wichtigen Ausbildungsinhalte erlernt. Daraus ergibt sich, dass er eigentlich immer anwesend sein muss. Der Azubi darf also nicht alleine am Ausbildungsplatz sein oder nur in Gesellschaft von anderen Azubis, Praktikanten und Ungelernten, die als Ausbilder nicht geeignet sind. Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach §102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld geahndet werden!

    Ich kann mir gut vorstellen, dass dich die Situation stark belastet. Deshalb rate ich dir, so schnell wie möglich zu deinem Arzt zu gehen und ihm die Situation zu schildern. Er wird dann entscheiden, ob es dir psychisch noch zuzumuten ist, in den Betrieb zu gehen.

    Nun aber zu deiner eigentlichen Frage mit dem Ausbildungswechsel. Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du am Besten folgendermaßen vor:
    1. Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de, oder www.ihk.de. Schau auch in den Stellenportalen im Internet nach sowie in der Zeitung und oder frag im Bekanntenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

    2. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist.

    3. Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:
    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.

    Hier ist ein Kontakt für dich:

    Ver.di Geschäftsstelle Wiesbaden
    Bahnhofstraße 61
    65185 Wiesbaden
    Tel.: 0611/18307-0

    Da kannst du anrufen, nach einem_r Jugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    4. Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 13.06.2017 01:01:21


  • RE: Betriebswechsel

    Hallo Alena,

    Sorry, eine Frage hatte ich vergessen zu beantworten: Nämlich die, was du bei den anstehenden Bewerbungsgesprächen sagst, wenn du gefragt wirst, warum du wechseln möchtest:

    Du kannst dann sagen, dass du das Gefühl hattest, dass dir in deinem jetzigen Betrieb nicht alle notwendigen Ausbildungsinhalte beigebracht werden können. Deine Ausbildung ist dir sehr wichtig und deshalb siehst du dich jetzt gezwungen, den Ausbildungsplatz zu wechseln.

    In die Bewerbungsschreiben musst du nicht schreiben, weshalb du wechseln möchtest.

    Liebe Grüße und viel Erfolg für deine Bewerbungen

    Dr. AZUBI

    Dr. Azubi: 13.06.2017 01:07:28


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