Deutscher Gewerkschaftsbund

Ausbildung ohne Betrieb abschließen

Sehr geehrtes Dr. Azubi-Team,

mir stellt sich die Frage ob ich meine Ausbildung ohne Betrieb abschließen kann. Meine erste Ausbildungsstelle habe ich gewechselt in der Hoffnung in meiner jetzigen Stelle besser aufgehoben zu sein. Auf Grund eines Realschulabschlusses war es mir möglich meine Ausbildungszeit auf 2,5 Jahre zu verkürzen. Mir ist auch die 10% Regelung zu Ohren gekommen, jedoch halte ich es in meiner jetzigen Lage nicht mehr aus. Hier eine kurze Schilderung:
- mein Chef lässt mich wissentlich mit einem defekten PKW auf der Bundesstraße fahren (was genau kaputt ist wird mir verschwiegen, Verdacht liegt jedoch auf dem Bremskraftverstärker)
- sexuelle Belästigung von den Freunden meines Chefs
- Diskriminierung am Arbeitsplatz (oftmals unter der Gürtellinie)
- Überstunden und Samstagsarbeit ohne Zeitausgleich oder Entschädigung
- es wird verlangt, dass ich der Berufsschule fern bleibe um in die Arbeit zu gehen (Unterrichtsbefreiungen bekomme ich keine mehr, hieß also ich musste mich erstmal krank schreiben lassen)
- Der Stress in der Arbeit hinterlässt bei mir allmählich gesundheitliche Spuren. Vor kurzem wurde ein Hörsturz diagnostiziert, des weiteren bekomme ich Neurodermitis an Händen und Fusssohlen.
Ich könnte diese Liste ewig weiter führen, aber dies sind die größten Schnitzer die sich mein Chef erlaubt. Auch habe ich schon versucht ein klärendes Gespräch mit ihm zu führen, jedoch brachte dies keine Besserung mit sich. Die HWK sieht sich anscheinend nicht angesprochen bei der Schilderung meiner Probleme. Ich hatte dort angerufen, sieben mal eine andere Durchwahl bekommen um letztendlich durch die Blume gesagt zu bekommen ich solle entweder die Ausbildung hinschmeißen oder einfach meinen Mund halten und das durchziehen. Da frage ich mich, warum es diese Anlaufstelle überhaupt gibt?!? Kein Wunder das unter den Auzubis auch immer mehr der Eindruck erweckt wird, dass die Innungen um jede Ausbildungsstelle froh sind ob kompetent oder nicht Hauptsache einen Arbeitslosen weniger in der Statistik? Vielleicht fühlen Sie sich ja angesprochen und wollen einem verzweifelten Azubi eine hilfreiche Antwort leisten. Vielen Dank im Voraus.

Henrik : 17.05.2017 14:21:40 |
  • RE: Ausbildung ohne Betrieb abschließen

    Hallo Henrik,

    Danke für deine Anfrage im Forum. Deine Situation ist sehr belastend und es ist gut, dass du dir Hilfe suchst und natürlich fühlt sich Dr. Azubi angesprochen.
    Zuerst einmal will ich dir ein paar rechtliche Infos geben:

    Sicherheit:
    Es geht natürlich überhaupt gar nicht, dass dein Chef dich in einem defekten Auto auf die Straße schickt! Laut §14 BBiG hat dein Ausbilder dir gegenüber eine Fürsorgepflicht. Du musst dich unbedingt weigern, mit einem wissentlich defekten Fahrzeug zu fahren.

    Diskriminierung und sexuelle Belästigung:
    Sexuelle Belästigung ist ein Straftatbestand und rechtfertigt eine fristlose Kündigung deinerseits.
    Du wirst im Betrieb diskriminiert. Auch das fällt unter §14 BBiG Fürsorgepflicht des Ausbilders.

    Überstunden:
    Das mag sich jetzt für viele Azubis seltsam anhören aber: Überstunden musst du als
    Azubi – im Gegensatz zu normalen Mitarbeitern - nur freiwillig machen. Warum? Du
    machst keine Ausbildung, um zu arbeiten, sondern um zu lernen, und die normale
    vereinbarte Arbeitszeit reicht aus, um die Lerninhalte zu vermitteln. Daraus ergibt
    sich auch folgender Grundsatz: Auch die Überstunden müssen immer dem Zweck
    der Ausbildung dienen, das heißt dein Ausbilder oder eine ausbildungsbeauftragte
    Person müssen anwesend sein, wenn du Überstunden leistest!
    Wenn du Überstunden freiwillig machst gilt: Minderjährige dürfen nicht mehr als 40
    Stunden die Woche arbeiten (§8 Jugendarbeitsschutzgesetz). Volljährige dürfen
    durchschnittlich nicht mehr als 48 Stunden und zeitweise maximal 60 Stunden
    arbeiten – aber nur wenn innerhalb von sechs Monaten im Schnitt nicht mehr als acht
    Stunden gearbeitet wird (§3 Arbeitszeitgesetz)!
    Achtung: Wenn du nach der gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitszeit noch im Betrieb
    bist und es kommt zu einem Arbeitsunfall, kannst du Probleme bekommen, weil die
    Unfallversicherung der Berufsgenossenschaft unter Umständen nicht zahlt. Falls dein
    Betrieb sich nicht an das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz hält,
    kannst du ihn bei der Gewerbeaufsicht anzeigen.
    Überstunden müssen dir selbstverständlich vergütet oder in Freizeit ausgeglichen
    werden (§17 Berufsbildungsgesetz).

    Freistellung für die Berufsschule:
    Dein Ausbilder muss dich für die Teilnahme am Berufsschulunterricht bezahlt
    freistellen (§15 Berufsbildungsgesetz). Die Berufsschulzeit wird auf die Arbeitszeit
    angerechnet.
    Auch für die Teilnahme an der Zwischen- und Abschlussprüfung bist du freizustellen.
    Minderjährige müssen auch an dem Tag, der der schriftlichen Abschlussprüfung
    vorausgeht, freigestellt werden. Dein Ausbilder muss dich außerdem für
    überbetriebliche Ausbildungsmaßnahmen zum Beispiel Innungskurse freistellen.

    Ich kann mir gut vorstellen, dass dich die Situation am Arbeitsplatz sehr belastet. Und wie du die Situation schilderst, ist es dir nicht mehr zuzumuten, die Ausbildung in diesem Betrieb fortzuführen.
    Zuerst möchte ich dir raten, dass du einen Arzt aufsuchst, wenn es dir schlecht geht.
    Dieser kann dann einschätzen ob er dich krank schreibt oder nicht. Denn du
    schreibst selbst, dass du bereits körperliche Symptome hast, wegen der Situation im
    Betrieb. Deine Gesundheit geht vor, daher lass dich lieber krankschreiben, dann
    kannst du dich erholen.
    Als erstes empfehle ich dir, dich bei der zuständigen Kammer (z. B. IHK, HWK) zu
    melden und dort um eine vorzeitige Zulassung zur Abschlussprüfung zu bitten. Im
    Ausnahmefall und unter Berücksichtigung deiner Umstände ist das theoretisch
    möglich. Sag ihnen ruhig, dass du es bis zum Ende dort nicht mehr aushältst und die
    Gefahr besteht, dass du krank wirst. Meist musst du dann auch dein Berichtsheft
    vorlegen, damit eingeschätzt werden kann, ob du alle nötigen Ausbildungsinhalte
    bereits gelernt hast und die Prüfung schaffen könntest.
    Wahrscheinlich hast du nach allem, was du erlebt hast, wenig Lust bei der Kammer anzurufen. Die entscheiden aber über deine vorzeitige Zulassung und du solltest dich dort informieren.
    Wenn du das mit der vorzeitigen Zulassung bewilligt bekommst, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen:
    Du kannst außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe, die eine außerordentliche und fristlose Kündigung rechtfertigen, sind zum Beispiel:
    • Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz
    • Ausbildungsfremde Tätigkeiten
    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)
    • Ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • Überstunden, die nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden
    • Systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen,
    Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)Eine weitere Möglichkeit wäre ein Ausbildungsplatzwechsel.
    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo)
    kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der
    auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war.
    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Du
    musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen
    Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir
    unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch
    nach der Kündigung gebrauchen, denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder
    leicht verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht, zum Beispiel
    Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt
    werden müssen. Dein Ausbilder kann grundsätzlich innerhalb von drei Wochen
    Widerspruch gegen die Kündigung einlegen, das kommt aber sehr selten vor: Wer
    will schon einen Azubi, der ganz offensichtlich keine Lust mehr hat, in dem Betrieb zu
    arbeiten und nicht besonders motiviert ist?

    Solltest du dich für diesen Weg entscheiden, dann kannst du der Kammer deine Kündigung zukommen lassen. Dann bekommen die nochmal Wind von den Zuständen in deinem Betrieb.

    Ich glaube außerdem, dass es für dich gut wäre, wenn du Hilfe vor Ort hättest. Sprich mal mit dem/der zuständigen Berufsschulsozialpädagogen/in. Außerdem kannst du dich auch an deine Gewerkschaft vor Ort wenden:

    Ver.di Geschäftsstelle Augsburg
    Am Katzenstadel 34
    86152 Augsburg
    Tel.: 0821/27954-0

    Da kannst du anrufen, nach einem_r Jugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi
    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 18.05.2017 11:09:11


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