Deutscher Gewerkschaftsbund

Arbeitsstunden nach der Berufsschule.

Hallo,

ich bin 22 und arbeite im Einzelhandel an einer Tankstelle. Mein vorgesetzter verlangt von mir, dass ich nach der Schule immer Fr. (manchmal auch Mi.) zum arbeiten Komme.

Wir arbeiten in Schichten. Ich arbeite 3 Tage, jeweils 8 std. + 0,5std. unbezahlte Pause. und 2 Tage Berufsschule, jeweils 6 std. (Arbeit nach der schule nicht mitgerechnet)

Er zählt bei meinen Schulstunden nur die "Tatsächliche Arbeitszeit". Ich soll also 7:40 in die Schule bis 13:00 (6 x 45 min.(4,5Std)) und danach nachhause, und dann nochmal von 16:00-20:00 Arbeiten. (4,5+ 4= 8,5 Std. (0,5 mehr als meine Normale Arbeitszeit.)) Ist das rechtlich in Ordnung? Ich bekomme die Tage nähmlich nur als 8 std. gerechnet.

Ich habe in der Schule gehört das bei einem Schultag (auch über 18 Jahre) die komplette Schulzeit UND die Reisezeit von Schule bis Betrieb (45-55 min.) zusammengerechnet werden? Ist das bei mir auch so? ich komme um 14:00 zuhause an und muss aber erst um 16:00 Arbeiten. Was soll ich machen?

Grüße, Marvin.

Marvin: 17.03.2017 14:18:11 |
  • RE: Arbeitsstunden nach der Berufsschule.

    Hallo Marvin,
    vielen Dank für deine Anfrage an unser Dr. Azubi Forum.

    Es ist sehr gut, dass du dich diesbezüglich hier erkundigst. Denn die Zeit in der Berufsschule wird tatsächlich komplett gezählt, also von Beginn bis Ende. Die Pausen werden in der Berufsschule mit zur Arbeitszeit dazu gezählt. Im Betrieb ist das anders, da ist die Pause keine bezahlte Arbeitszeit.
    Leider ist die Anrechnung der Berufsschulzeit auf die Arbeitszeit nicht eindeutig bzw. zufriedenstellend geklärt. Ich schreibe dir die Infos zum Thema hier mal auf.

    Anrechnung der Berufsschulzeit bei volljährigen Auszubildenden:
    Auch Volljährige sind nach dem Gesetz für den Berufsschulunterricht freizustellen, die Teilnahme am Unterricht geht der betrieblichen Ausbildung vor (§15 Berufsbildungsgesetz). Das gilt auch dann, wenn du nicht mehr schulpflichtig bist. Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat in seinem Urteil vom 26. März 2001 (Az: 5 AZR 413/99) festgelegt, wie die Berufsschulzeiten auf die Arbeitszeit angerechnet werden müssen: Die Freistellung umfasst demnach nicht nur die reine Unterrichtszeit, sondern auch die Zeiten des notwendigen Verbleibs in der Berufsschule, zum Beispiel unterrichtsfreie Zeiten, Pausen und die Wegzeiten zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieb.

    Die Berufsschulzeit ist also auf die vertragliche Arbeitszeit anzurechnen, allerdings gibt es einen Haken: Eine Freistellung ist nur dann möglich, wenn sich Unterrichtszeit und Ausbildungszeit überschneiden. Findet die Berufsschule also zu Tageszeiten statt, an denen nicht regelmäßige Ausbildung statt findet, erfolgt keine Freistellung und keine Anrechnung. Es kann also passieren, dass Auszubildende in bestimmten Fällen weit über die vertraglich geregelte Arbeitszeit hinaus Zeit in Berufsschule und Betrieb verbringen, die absolute Höchstgrenze liegt dabei bei der gesetzlich vorgeschriebenen Höchstarbeitszeit von 48 Stunden.

    Oft verlangen Ausbilder von volljährigen Azubis, dass sie nach der Berufsschule noch in den Betrieb kommen sollen. Hier gilt: Von der täglichen Arbeitszeit wird die gesamt Zeit in der Berufsschule abgezogen, falls die Berufsschule während der üblichen Arbeitszeit stattfindet. Außerdem wird der Weg von der Berufsschule in den Betrieb auf die Arbeitszeit angerechnet. Ist die Zeit, die der Azubi nach der Berufsschule noch im Ausbildungsbetrieb verbringen kann zu kurz, um dem Ausbildungszweck zu dienen – nämlich weniger als 30 Minuten, kann der Ausbilder die Rückkehr des Azubis nicht verlangen.

    Ein Beispiel:
    Ein volljähriger Azubi hat eine vertraglich vereinbarte 40-Stunden-Woche. Die betriebliche Arbeitszeit des Azubis dauert täglich von 9 bis 18 Uhr. Der Berufsschulunterricht findet einmal wöchentlich von 8 bis 13.30 Uhr statt. Für die Fahrt in den Betrieb benötigt der Auszubildende 45 Minuten. In diesem Fall muss er nach dem Berufsschulunterricht von 14.15 bis 18.00 Uhr im Betrieb anwesend sein. Da zwischen 8 Uhr und 9 Uhr keine betriebliche Ausbildung stattfindet, ist eine Freistellung in dieser Zeit nicht möglich. Nimmt man nun die Summe der Berufsschulzeiten und der betrieblichen Ausbildungszeiten, kommt der Auszubildende auf 41 Stunden wöchentliche Arbeitszeit. Diese Mehrarbeit muss er hinnehmen und zwar bis zu einer Höchstgrenze von 48 Stunden.

    Dies führt zu immensen Ungerechtigkeiten: Besonders hart trifft es Auszubildende mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten wie zum Beispiel Bäcker. Es kann aber auch vorkommen, dass Auszubildende in ein und demselben Betrieb unterschiedliche Klassen besuchen und an unterschiedlichen Tagen beschult werden. Sind die betrieblichen Ausbildungszeiten unregelmäßig, kann dies bedeuten, dass einigen Auszubildenden die Berufsschulzeit voll angerechnet wird, anderen nicht. Einige zuständige Stellen haben sich in Richtlinien für die weitere Anrechnung von acht Stunden ausgesprochen. In großen Betrieben wird die Freistellung oftmals in Betriebsvereinbarungen geregelt und es gibt auch Tarifverträge, die eine pauschale Anrechnung festlegen. Trotz des Urteils kommt es immer wieder zu starken Ungerechtigkeiten, die Situation ist für viele Auszubildende und Ausbilder unübersichtlich. Die Gewerkschaften fordern seit langem eine gesetzliche Klarstellung, aber auch im neuen Berufsbildungsgesetz hat sich nichts geändert!

    Falls dein Betrieb sich nicht an das Arbeitszeitgesetz hält, kannst du ihn bei der Gewerbeaufsicht anzeigen.

    In deinem Fall ist auf jeden Fall klar, dass die komplette Zeit in der Berufsschule (7:40 bis 13:00 Uhr) als Arbeitszeit gezählt werden muss.
    Falls deine Arbeitszeit im Betrieb üblicherweise erst am späten Nachmittag beginnt, läge sie somit außerhalb der Berufsschulzeit und somit wäre die längere Pause zwischen Berufsschule und Betrieb nachvollziehbar. (Wobei man auch hier in die Diskussion gehen könnte, warum diese lange Pause nach der Berufsschule nötig ist.)
    Falls deine übliche Arbeitszeit sich allerdings mit der Berufsschulzeit überschneidet, gibt es keinen ersichtlichen Grund, warum du dann erst so spät in den Betrieb kommen sollst. In diesem Fall solltest du darauf bestehen, dass du direkt im Anschluss an die Berufsschule die restliche Arbeitszeit im Betrieb leistest. Nachdem in deinem Ausbildungsvertrag anscheinend eine tägliche Arbeitszeit von 8 Stunden vereinbart ist, kann dann auch nur verlangt werden, dass du an Berufsschultagen diese 8 Stunden erfüllst.
    (Start der Berufsschule bis Ende + Fahrtzeit + Arbeitszeit = 8 Stunden)

    Für weitere Unterstützung oder Rückendeckung kannst du dich auch jederzeit an deine örtliche Gewerkschaft wenden. Hier ist ein Kontakt für dich:


    Ver.di Geschäftsstelle Karlsruhe
    Rüppurrer Straße 1 a
    76137 Karlsruhe
    Tel.: 0721/38 46-000
    Fax: 0721/3846-335
    E-Mail: bz.mittelbaden-nordschwarzwald@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem*r Jugendsekretär*in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....
    (Generell gilt: Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand. Daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten. Schließlich treten immer wieder Probleme im Arbeitsleben auf, wie du merkst leider sogar schon während der Ausbildung. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monat.)

    Ich hoffe sehr, dass ich dir mit diesen Infos bereits etwas weiterhelfen konnte. Falls du noch Fragen hast, wende dich gerne erneut an uns oder natürlich an die ver.di-Kolleg*innen in Karlsruhe. Diese können dich individuell beraten und gezielt unterstützen!
    Alles Gute und viel Erfolg!
    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi
    P.S.: Wir hoffen, dir gefällt unser Angebot. Deine Meinung zählt! Du kannst uns in 60 Sekunden anonym einschätzen und uns damit helfen (noch) besser zu werden.: https:/​/​jugend.dgb.de/​ausbildung/​beratung/​dr-azubi/​umfrage-dr-azubi

    Dr. Azubi: 19.03.2017 14:06:43


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