Deutscher Gewerkschaftsbund

Boreout bis hin zur Interesselosigkeit

Hallöchen ihr alle.

Hier mein kleines Dilemma:
Seit etwas über einem Jahr bin ich nun in meiner Ausbildung als Fachinformatiker für Systemintegration tätig. "Tätig" ist hier vermutlich ein etwas merkwürdiges Wort, da ich vielmehr untätig bin. Wochenlang sitze ich teilweise 7,5 Stunden am Tag im Büro und hoffe, dass irgendwas passiert. Das ist aber nicht der Fall. Auch komme ich mit meinen Kollegen nicht wahnsinnig gut zurecht, da passt allerdings eher die Chemie nicht.

Das Problem an der Sache ist, dass ich durch diese "Boreout-Situation" den Spass an nicht nur meinen Tätigkeiten hier in der Firma, sondern mein Interesse an dem gesamten Berufsfeld.
Ich würde am liebsten meinem Hobby (der Veranstaltungstechnik) beruflich nachgehen, allerdings wird mir hier immer von "ausbeuterischen Verhältnissen" erzählt.
Sollte ich versuchen mein Interesse wieder zu steigern oder lieber direkt die Ausbildung wechseln?
Sollte ich meine Ausbildung vorher abschließen?
Habe ich überhaupt genug Kenntnisse über meinen Beruf, um an Zwischen- und Abschlussprüfung teilzunehmen?
Das und noch mehr sind Fragen, die mir derzeit durch den Kopf gehen und für die ich keine Antwort finde.

Ich hoffe ihr könnt mir da weiterhelfen.
Danke!

Andy: 07.11.2018 10:09:21 |
  • RE: Boreout bis hin zur Interesselosigkeit

    Hallo Andy,

    Danke für deine Anfrage im Forum. Ich kann gut verstehen, dass es dich sehr belastet, dass du das Gefühl hast, in der Ausbildung nichts zu lernen. Sich zu langweilen kann genauso belastend sein, wie ständig überfordert zu werden. Es ist deshalb gut, dass du dir Hilfe suchst.
    Hier kurz zum rechtlichen Hintergrund:
    Für jeden Beruf gibt es einen allgemeinen Ausbildungsrahmenplan, in dem genau steht, was du wann in deiner Ausbildung lernen sollst (Ausbildungsordnungen und Rahmenpläne findest du im Netz hier: http:/​/​www.bibb.de/​de/​berufesuche.php). Außerdem muss deinem Ausbildungsvertrag ein grober Ausbildungsplan angefügt werden, in dem der Verlauf deiner Ausbildung in deinem Betrieb aufgezeigt wird. Der Ausbilder darf dir nur Arbeiten auftragen, die dem Ausbildungszweck dienen (§14 Berufsbildungsgesetz). Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach §102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld geahndet werden!
    Du solltest unbedingt dafür kämpfen, dass deine Ausbildung nach dem Rahmenplan verläuft, denn sonst ist dein Ausbildungsziel gefährdet.
    Du schreibst nicht, ob du schon mal versucht hast, mit deiner/m Ausbilder/in über deine Situation zu sprechen.
    1. Bitte deinen Chef um ein Gespräch und erkläre ihm ruhig und sachlich, dass du Angst hast, dein Ausbildungsziel nicht zu erreichen. Am besten nimmst du den Ausbildungsplan mit in das Gespräch. Wenn kein Ausbildungsplan erstellt wurde, solltest du verlangen, dass dies so schnell wie möglich nachgeholt wird. Nenne konkrete Inhalte, die bis jetzt fehlen und die du laut Ausbildungsrahmenplan schon können müsstest. Gehe positiv in das Gespräch und sage gleich zu Anfang, dass es dir nicht darum geht zu kritisieren, sondern vielmehr darum, deinen Beruf richtig zu lernen. Schalte außerdem (falls vorhanden) den Betriebsrat ein.

    2. Wenn das Gespräch nichts bringt, solltest du den Ausbilder schriftlich auffordern. Hebe eine Kopie des Schreibens auf. Hier ist ein Musterbrief:

    Sehr geehrter Herr/Frau ____________,
    laut § 14 Berufsbildungsgesetz müssen Sie mich entsprechend des gesetzlichen und betrieblichen Ausbildungsplans ausbilden. Ich habe jedoch wichtige berufliche Fertigkeiten noch nicht erlernt, die ich zum jetzigen Zeitpunkt meiner Ausbildung längst beherrschen müsste. Einige Beispiele:
    - (Berufliche Fertigkeiten)
    - (Berufliche Fertigkeiten)
    Ich fordere Sie hiermit schriftlich auf, mir die gesetzlich vorgeschriebenen Inhalte zu vermitteln und mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich als Ausbilder nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Unterschrift Azubi ____________

    3. Wenn auch das nichts bringt und sich deine Ausbildungssituation nicht verbessert, solltest du dich an deine Gewerkschaft vor Ort wenden und dir rechtliche Unterstützung holen. Wende dich dazu an deine Gewerkschaft:

    Ver.di Bayreuth
    Bahnhofstraße 15
    95444 Bayreuth
    Tel.: 0921/787769-0
    Fax: 0921/787769-12
    E-Mail: bz.ofrost@verdi.de

    Du überlegst dir, den Beruf komplett zu wechseln. Das ist deine ganz eigene Entscheidung. Trotzdem solltest du deinem aktuellen Beruf noch eine Chance geben und es zumindest nochmal versuchen. Schließlich hast du schon mehr als ein Ausbildungsjahr geschafft. Wenn sich die Situation in deinem Betrieb verbessert, macht dir die Ausbildung vielleicht wirklich wieder Spaß. Wenn nicht, dann hast du immer noch die Möglichkeit, dein Hobby zum Beruf zu machen.
    Wenn du deinen Ausbildungsrahmenplan mal genauer durchsiehst, kannst du auch besser abschätzen, wie gut du schon auf die Zwischenprüfung vorbereitet bist.
    Dr. Azubi wünscht dir dabei alles Gute!
    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi
    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 08.11.2018 23:57:47


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