Deutscher Gewerkschaftsbund

Betriebswechsel / Ausbildungsabbruch

Ich habe den großen Schritt gewagt und bin für meine Ausbildung als Industriekauffrau in das knapp 500 km von meinem Zuhause (Niedersachsen) entfernte Pößneck (Thüringen) gezogen, wo vor meinem Ausbildungsbeginn alles gepasst hat und ich war mir sicher das alles klappt.

Doch jetzt fühle ich mich hier in der gesamten Umgebung und Situation nicht mehr wohl und möchte auf Grund des langen Fahrtweges nach Hause und der Situation in dem Wohnheim in dem ich wohne meine Ausbildung ab nächstem Jahr im Januar oder Februar, da die Probezeit im Dezember endet, in der nähe meiner Heimat in Schleswig Holstein, Hamburg, Bremen oder Niedersachsen Fortführen.

Ich habe schon ein paar Bewerbungen an Betriebe geschickt und die IHK angeschrieben und nach Hilfe gefragt. Jedoch hat sich noch kein Betrieb zurückgemeldet und die IHK kann mir nicht helfen laut deren Aussage ich weiß einfach nicht mehr was ich noch machen kann ich möchte unbedingt zurück wo ich mich schon gefragt habe einen Nebenjob anzufangen bis der neue Ausbildungsbeginn ist.

Franziska: 06.11.2018 21:10:58 |
  • RE: Betriebswechsel / Ausbildungsabbruch

    Liebe Franziska,

    vielen Dank für deine Anfrage im Forum. Es ist gut, dass du dich an uns wendest. Das ist ein großer Schritt den du gewagt hast.

    Aller Anfang ist schwer. Das klingt nach einem abgedroschenen Spruch, doch es liegt viel Wahrheit darin - vor allem wenn es um die Eingewöhnung an einer neuen Ausbidlungsstelle und einen neuen Ort geht. Du musst dich nicht nur erst einmal mit den Kollegen und Vorgesetzten, sondern auch mit den Arbeitsabläufen vertraut machen und das auch noch in einer völlig neuen Umgebung. Wenn man in einem neuen Betrieb anfängt, ist es also gar kein Wunder, dass die Freude an der Ausbildung manchmal etwas auf sich warten lässt, denn erst wenn man sich eingelebt und sich eine gewisse Selbständigkeit erarbeitet hat.

    Dementsprechend würde ich dir raten, erst einmal abzuwarten, wie sich die Situation während deiner Probezeit entwickelt. Aber aus der Distanz habe ich natürlich keinen Einblick, wie schwer dir das fällt. Wenn dich die ganze Situation also zu sehr belastet und du keine Kraft hast, abzuwarten, ob es sich bessern wird, solltest du konkret über einen Ausbildungsplatzwechsel nachdenken. Dabei rate ich dir zunächst eine neue Ausbildungsstelle zu suchen und dann erst zu kündigen. Gib deiner Suche ruhig noch etwas Zeit. Gerade in der Probezeit kann noch ein Wechsel stattfinden.

    Wenn du glaubst, dass sich deine Ausbildungssituation in deinem jetzigen Betrieb nicht verbessern wird, ist ein Ausbildungsplatzwechsel vielleicht wirklich die richtige Lösung für dich.

    Ein Ausbildungsplatzwechsel ist kein Beinbruch, aber du solltest jetzt nichts überstürzen, sondern in Ruhe nach etwas Neuem suchen! Bei einem Ausbildungsplatzwechsel innerhalb der Probezeit gehst du am Besten folgendermaßen vor:

    1. Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen viel besser. Mehr Infos zur Bewerbung findest du hier: www.azubi-azubine.de/​mein-recht-als-azubi/​kuendigung-durch-den-azubi.html#Bewerbun​g. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de, oder www.ihk.de. Schau auch in der Zeitung und in den Stellenportalen im Internet nach oder frag im Bekanntenkreis und an der Berufsschule. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

    2. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist.


    3. Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du innerhalb der Probezeit jederzeit fristlos und ohne Angabe von Gründen kündigen (§22 Berufsbildungsgesetz). Die Kündigung muss schriftlich erfolgen. Da es keine Frist einzuhalten gilt, endet das Ausbildungsverhältnis zu dem Zeitpunkt, der in der Kündigung angegeben ist. In der Regel sofort. Unabhängig von der Kündigungsart stehen dir nach der Kündigung alle Leistungen zu, die du dir bis zum Kündigungszeitpunkt erworben hast - insbesondere Restgehalt und Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen und ein Arbeitszeugnis.


    Nach der Kündigung kannst du vielleicht auch rechtliche Rückendeckung gebrauchen, denn wenn ein Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.

    Hier ist ein Kontakt für dich:
    ver.di Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen
    Karl-Liebknecht-Straße 30-32
    04107 Leipzig
    Tel.: 0341/52901-0
    Fax: 0341/52901-500
    E-Mail: lbz.sat@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    4. Dann setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

    Wenn ein Wechsel erst nach deiner Probezeit stattfindet, dann gilt bezüglich der Kündigung:

    Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist. Aufhebungsvertrag ist, dass es sich um eine vorzeitige Lösung des Ausbildungsverhältnisses im Einverständnis mit deinem Ausbilder handelt. Bei einem Aufhebungsvertrag gibt es keine Frist. Im Klartext heißt das, du und dein Ausbilder könnt das Beendigungsdatum auf einen beliebigen Zeitpunkt setzen. Du solltest im Vorfeld deinen Ausbilder auf einen Aufhebungsvertrag „vorbereiten“, damit dein Weggang nicht aus heiterem Himmel kommt. Erkläre ihm auch die Gründe für deinen Wechselwunsch und unterschreibe den Aufhebungsvertrag nur, wenn du schon sicher eine neue Ausbildungsstelle in der Tasche hast. Ein einmal unterschriebener Aufhebungsvertrag kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.

    Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein „wichtiger Grund“ vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angaben der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten), dann musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein, die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.
    
Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen! Denn wenn deine Gründe für die fristlose Kündigung nicht ausreichen, hat dein Betrieb die Möglichkeit Schadensersatzansprüche innerhalb von drei Monaten nach Beendigung gegen dich geltend zu machen.

    Als Vorbereitung einer fristlosen Kündigung ist es wichtig für dich Nachweise zu sammeln. Wenn du beispielsweise aufgrund von einer andauernden Beschäftigung mit ausbildungsfremden Tätigkeiten fristlos kündigen möchtest, dann ist dein Berichtsheft mit der Aufzeichnung der ausbildungsfremden Tätigkeiten ein guter Nachweis. Wenn du aufgrund schwerer Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder Arbeitszeitgesetz kündigen möchtest, dann ist ein Dienstplan/Arbeitszeitnachweis für dich wichtig.
    Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.

    Viel Erfolg und alles Gute für deinen weiteren Ausbildungsweg! Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi
    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 07.11.2018 07:57:10


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