Deutscher Gewerkschaftsbund

Ausbildung kurz vor der Prüfung ohne Betrieb beenden? Krank schreiben lassen?

Hallo,
ich stehe kurz vor meinen Prüfungen und bin für diese auch schon angemeldet worden.
Ich habe allerdings große Probleme auf der Arbeit mit meinem Vorgesetzten, die sich schon seit ungefähr 1 1/2 Jahren ziehen und immer schlimmer werden.
Daher stellte sich mir die Frage ob es eine Möglichkeit gäbe die Prüfung ohne Betrieb, sprich ich kündige, zu vollenden?
Da die Probleme wirklich von Woche zu Woche schlimmer werden sehe ich fast keinen Ausweg mehr als zu kündigen, nur weiß ich dann nicht ob es mir dann noch möglich ist die Prüfung zu beenden bzw. ob mein Chef mir da im weg stehen kann.
Gäbe es noch eine andere Möglichkeit? Kann man sich nicht beim Arzt für 6 Wochen maximal krank schreiben lassen wenn die Arbeit einem psychisch zu schaffen macht, was bei mir der Fall ist? Und wie würde sich das auf meine Zukunft auswirken, bzw. was für Nachteile hätte das kündigen so kurz vor der Prüfung? Ich bin leider echt verzweifelt, was mich natürlich auch massiv daran hindert mich für die Prüfung vorzubereiten.

Marvin : 16.04.2018 16:13:17 |
  • RE: Ausbildung kurz vor der Prüfung ohne Betrieb beenden? Krank schreiben lassen?

    Hallo Marvin,

    Danke für deine Anfrage im Forum. Es ist gut, dass du dir Hilfe suchst.

    Wenn du zur Prüfung zugelassen wurdest, dann darfst du auch teilnehmen. Egal ob du einen Betrieb hast oder nicht. Solltest noch keine Zulassung der Kammer bei dir eingegangen sein, dann empfehle ich dir, bei der Kammer anzurufen und zu fragen, ob du zugelassen wirst. Du kannst dann auch deine Situation schildern und darum bitten zugelassen zu werden. Du kannst dich dabei auch nach den Prüfungskosten erkundigen, die du evtl. übernehmen musst, wenn du keinen Betrieb mehr hast.

    Außerdem empfehle ich dir, dringend zum Arzt zu gehen, wenn es dir schlecht geht. Er wird dann entscheiden, ob du krankgeschrieben werden musst.

    Zum Thema Kündigung:
    Du kannst außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.

    Hier ist ein Kontakt für dich:

    Ver.di Geschäftsstelle Karlsruhe
    Rüppurrer Straße 1 a
    76137 Karlsruhe
    Tel.: 0721/38 46-000
    E-Mail: bz.mittelbaden-nordschwarzwald@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    Eine weitere Frage war, ob dir Nachteile entstehen, wenn du ohne Betrieb in die Prüfungen gehst. Wie du oben lesen konntest, musst du dann evtl. die Prüfungskosten selbst tragen. Außerdem lese ich aus deiner Anfrage heraus, dass dein Chef nicht ganz einfach ist. Du solltest deshalb damit rechnen, dass auch er noch Stunk machen wird und dir evtl. ein schlechtes Arbeitszeugnis ausstellt etc. Das Arbeitszeugnis solltest du in jedem Fall nochmal von Profis checken lassen. Aber bei den Prüfungen kann er dich nicht mehr behindern, sobald du zugelassen wurdest.

    Dr. Azubi wünscht dir viel Erfolg bei den Prüfungen!

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi
    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 17.04.2018 13:03:13


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