Deutscher Gewerkschaftsbund

Gefährdung des Ausbildungsziel

Hallo,
Ich bin zurzeit sehr verzweifelt... Ich bin nun im 3. Lehrjahr und habe im November diesen Jahres Prüfung!
Leider muss ich zurzeit so viel arbeiten, dass ich nicht zum lernen komme. Des weiteren kann ich auf Grund dessen nicht mehr schlafen und es geht mir unheimlich schlecht damit.
Nun meine Frage: Darf ich Kündigungen auf Grund von der Gefährdung meine Ausbildungsziels?
Mit freundlichen Grüßen

Sophia: 16.04.2018 13:06:25 |
  • RE: Gefährdung des Ausbildungsziel

    Hallo Sophia,

    Danke für deine Anfrage im Forum. Es ist gut, dass du dir Hilfe suchst und wir beraten dich sehr gerne.
    Du fühlst dich gerade durch den Druck in der Arbeit sehr belastet und hast auch Angst, die Prüfung nicht zu schaffen, weil du vor lauter Arbeit nicht zum Lernen kommst.
    Ich gehe davon aus, dass dein Betrieb von dir verlangt, dass du viele Überstunden machst. Das mag sich jetzt für viele Azubis seltsam anhören aber: Überstunden musst du als Azubi – im Gegensatz zu normalen Mitarbeitern - nur freiwillig machen. Warum? Du machst keine Ausbildung, um zu arbeiten, sondern um zu lernen, und die normale vereinbarte Arbeitszeit reicht aus, um die Lerninhalte zu vermitteln. Daraus ergibt sich auch folgender Grundsatz: Auch die Überstunden müssen immer dem Zweck der Ausbildung dienen, das heißt dein Ausbilder oder eine ausbildungsbeauftragte Person müssen anwesend sein, wenn du Überstunden leistest!

    Wenn du Überstunden freiwillig machst gilt: Minderjährige dürfen nicht mehr als 40 Stunden die Woche arbeiten (§8 Jugendarbeitsschutzgesetz). Volljährige dürfen durchschnittlich nicht mehr als 48 Stunden und zeitweise maximal 60 Stunden arbeiten – aber nur wenn innerhalb von sechs Monaten im Schnitt nicht mehr als acht Stunden gearbeitet wird (§3 Arbeitszeitgesetz)!
    Überstunden müssen dir selbstverständlich vergütet oder in Freizeit ausgeglichen werden (§17 Berufsbildungsgesetz).

    Wie du siehst, kannst du dich auch auf die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit berufen und die Überstunden verweigern. Wenn es wirklich die vielen Überstunden sind, die dir so zu schaffen machen, dann solltest du dringend das Gespräch mit deinem/r Ausbilder/in suchen und ihm/ihr sagen, dass dich die viele Arbeit stark belastet und du Angst hast, dich nicht genug auf die Prüfungen vorbereiten zu können.
    Wenn das Gespräch nichts bringt, dann solltest du dein Anliegen nochmal schriftlich an den Betrieb richten. Bringt auch das keine Besserung, solltest du dich an deine Gewerkschaft vor Ort wenden.

    Deine eigentliche Frage war aber, ob du kündigen kannst, weil die Gefahr besteht, dass du dein Ausbildungsziel aufgrund des hohen Arbeitsaufkommens nicht erreichst.
    Leider ist das mit der Kündigung nicht so einfach. Du kannst in der Ausbildung nur fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.

    Hier ist ein Kontakt für dich:

    Ver.di Geschäftsstelle Reutlingen
    Siemensstr. 3
    72766 Reutlingen
    Tel.: 07121/94797-0
    E-Mail: bz.fils-neckar-alb@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    Ein weiteres Problem bei einer Kündigung ist natürlich auch, dass du einen neuen Ausbildungsbetrieb brauchst. Du wirst nämlich nur dann zu den Abschlussprüfungen im November zugelassen, wenn du nicht mehr als 10% deiner Ausbildungszeit (12-14 Wochen) verpasst. Wenn du jetzt kündigst, besteht die Gefahr, dass du nicht zugelassen wirst und die Ausbildung verlängern musst. Es wäre also besser, wenn du einen neuen Betrieb hättest. Du könntest dich aber auch mal bei der Kammer melden und fragen, ob du vorzeitig zur Prüfung zugelassen werden kannst.

    Ich empfehle dir deshalb, nochmal mit deinem Betrieb zu sprechen und dort deine Situation und auch deine Sorgen genau zu schildern. Du kannst zur Unterstützung auch jemanden mit in das Gespräch nehmen. Z.B. deine Eltern, ein JAV-Mitglied, KollegInnen etc.
    Du schreibst, dass du Schlafstörungen hast und stark unter dem Druck leidest. Ich rate dir deshalb dringend, zum Arzt zu gehen und ihm deine Symptome zu beschreiben. Er wird dann entscheiden, ob du krankgeschrieben werden musst.
    Generell wäre es gut, wenn du dir auch Hilfe vor Ort suchen würdest. An deiner Berufsschule gibt es sicher eine Berufsschulsozialarbeit. Wende dich auch dorthin, denn es ist wichtig, dass du nicht mit deinem Problem alleine bleibst.

    Dr. Azubi wünscht dir alles Gute!
    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi
    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 16.04.2018 22:54:26


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