Deutscher Gewerkschaftsbund

Ausbildungsbetrieb wechseln?

Hallo..

ich befinde mich momentan im 2. Lehrjahr und überlege eigentlich schon seit dem 1. Tag meiner Ausbildung, ob ich die Apotheke wechseln soll oder nicht. Ich lerne den Beruf PKA und bin total unzufrieden. Die Arbeit an sich finde ich total ok, aber die Apotheke in der ich arbeite finde ich einfach schrecklich. Hier meine Probleme:
1. Kollegen sind alles Frauen, somit wird gelästert was das Zeug hält. Bestimmt auch über mich.
2. Alle sind total unzufrieden mit ihrer Arbeit und auch mit der Apotheke. Seit dem ich dort arbeite haben bereits 5 (darunter auch ein ein Azubi) Angestellte den Betrieb verlassen, weil sie unfair behandelt wurden oder nicht gerecht bezahlt worden sind. Oder weil sie es einfach nicht mehr ausgehalten haben.
3. ich habe keinen Ansprechpartner. Es hat sich seit Beginn meiner Ausbildung niemand um mich gekümmert. Bei Fragen wirken alle immer genervt und gestresst. Man wird quasi ins kalte Wasser geworfen. Habe mir vieles selbstbeigebracht, weil man sich nicht mit mir hinsetzen kann und es mir in Ruhe erklären kann.
4. Chefin ist total gefühlskalt und geht mit Ihren Mitarbeitern nicht fair um. Sie bezahlt viele schlecht, verlangt immer nur, lässt alles ihre Mitarbeiter erledigen, macht einem enormen Druck, verbreitet schlechte Stimmung,.. zudem fragt sich mich jedes Mal, wenn ich eine Aufgabe falsch gemacht habe, ob ich denn keine gute PKA werden möchte und warum ich sowas nicht kann und warum ich mich so blöd anstelle...
5. wenn man krank ist bekommt man bei uns minusstunden. Bei einem Tag von 8 Std bekommt man wenn man fehlt 4 Minusstunden. Nur wenn man eine ganze Woche fehlt bekommt man keine Minusstunden.
6. unsere Apotheke befindet sich in einer Klinik, wir haben somit keine Fenster. Wir haben eine Klimaanlage und brutal schlechte Luft in der Apotheke. Und in Kombination mit dem PC, der Luft und dem Licht habe ich schon öfters heftige Augenentzündungen bekommen. Ich trage auch zum Auto fahren eine Brille, die ich mittlerweile immer trage , da sich meine Augen seitdem ich dort arbeite sehr sehr verschlechtert haben.
7. mir macht die Arbeit dort überhaupt keinen Spaß... es gibt niemanden in meinem Alter. Alle sind bereits über 30 Jahre alt und haben Kinder. Es wird also nur über Kinder gesprochen oder es wird gelästert. Ich fühle mich dort einfach nicht wohl. In meinen Pausen heule ich oft und auch vor Beginn stelle ich mir jedes Mal die Frage was ich hier eigentlich mache und warum ich das mache .. ich habe auch schon sehr oft überlegt zu kündigen. Oder zumindest den Betrieb zu wechseln. Aber ich traue mich nicht.. ich habe Angst die nächste Apotheke wird noch schlimmer.
8. wir haben noch eine andere Filiale. Dort habe ich bereits ein paar mal für jemanden einspringen müssen und es war einfach jedes Mal der pure Horror für mich. Man wird mit Aufgaben zugelagert die ich aber zum Teil nicht machen kann da ich nicht weiß wie es geht oder man mir es einfach nicht gut genug erklärt .. man fühlt sich dort total nutzlos und überflüssig. Und dann wird man noch dumm angemacht warum man seine Arbeit nicht erledigt ..

Fazit: ich hasse meine Apotheke, bei der ich momentan arbeite. Ich traue mich aber auch nicht einfach zu wechseln, da ich ja auch schon im 2. Lehrjahr bin. Gleichzeitig habe ich aber auch Angst das ich irgendwann komplett durchdrehe, da es mir psychisch überhaupt nicht gut geht .. was würdet ihr / würdest du an meiner Stelle tun?
Achja zudem weiß ich auch überhaupt nicht , ob ich je wieder nach meiner Ausbildung in einer Apotheke arbeiten will. Habe die Ausbildung nur gemacht, da ich nichts besseres gefunden habe und auch gar nicht wusste (zudem Zeitpunkt) was ich werden möchte..

Vielen Dank im Voraus !

Tamara: 02.01.2018 01:35:57 |
  • RE: Ausbildungsbetrieb wechseln?

    Liebe Tamara,

    vielen Dank für deine Anfrage im Forum.

    Gut, dass du dich an uns wendest und dir Unterstützung holst. Damit ist der erste Schritt gemacht. Ich rate dir auch mit Personen deines Vertrauens zu sprechen. So kannst du einfach mal deinen Gefühlen freien Lauf lassen und dir auch noch andere Meinungen einholen.

    Ich kann dir den Mut geben, dass es nicht die Regel ist, dass du keinen Ansprechpartner hast in deiner Ausbildung. Es ist sogar gesetzlich geregelt, dass du einen Ausbilder haben musst, der immer anwesend ist und dich nach dem Ausbildungsrahmenplan ausbildet. In diesem ist genau festgeschrieben, welche Ausbildungsinhalte du wann erlernen musst. (Ausbildungsordnungen und Rahmenpläne findest du im Netz hier: http:/​/​www.bibb.de/​de/​berufesuche.php). Außerdem muss deinem Ausbildungsvertrag ein grober Ausbildungsplan angefügt werden, in dem der Verlauf deiner Ausbildung in deinem Betrieb aufgezeigt wird. Ich rate dir im ersten Schritt einmal das Gespräch mit deiner Chefin zu suchen. Vorab kannst du einmal deine bisher erlernten Tätigkeiten laut Berichtsheft und dem Ausbildungsrahmenplan vergleichen. So hast du einen aktuellen Stand. Überlege dir auch vor dem Gespräch genau was dein Ziel ist und was sich für dich ändern muss. Gehe positiv in das Gespräch und sage auch, dass es dir nicht darum geht zu kritisieren, sondern eine gute Ausbildung zu erhalten. Mache dir Gedanken, wen du zur Unterstützung mit in das Gespräch nehmen könntest, denn es ist wichtig, dass du dich im Gespräch sicher fühlst. (JAV, Betriebsrat, Eltern, Kolleg_innen, Mit-Azubis etc.). Nach dem Gespräch solltest du ein bisschen Geduld haben. Beobachte genau, ob sich etwas verändert. Wenn keine Verbesserung eintritt, dann kann ein Ausbildungsplatzwechsel eine gute Möglichkeit für dich sein. Gerade weil du auch schreibst, dass sich die Ausbildungssituation schon auf deine Gesundheit auswirkt, solltest du dein Körper ernst nehmen. Sprich doch auch mal mit deinen Mitschüler_innen in der Berufsschule und oder deiner Berufsschulsozialarbeit und frage nach, wie es bei in anderen Apotheke läuft. So kannst du dir ein gutes Bild davonmachen, was auf dich zukommen kann, wenn du deine Stelle wechselst. Vielleicht wissen deine Mitschüler auch von freien Stellen. Schaue dir auch noch einmal genau die Ausbildungsinhalte des Berufes an und wäge genau ab, warum dir der Beruf kein Spaß macht. So wie du schreibst, scheint es eher an den Kolleg_innen und dem Betriebsklima zu liegen und nicht an dem Ausbildungsberuf.

    Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du am Besten folgendermaßen vor:

    1. Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de, oder www.ihk.de. Schau auch in den Stellenportalen im Internet nach sowie in der Zeitung und oder frag im Bekanntenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

    2. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist. Ich rate dir auch in der neuen Apotheke Probe zu arbeiten. So kannst du dir schon mal ein Bild vom Betriebsklima und den Kolleg_innen machen.

    3. Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.


    Hier ist ein Kontakt für dich:

    ver.di Karlsruhe
    Rüppurrer Straße 1 a
    76137 Karlsruhe
    Tel.: 0721/38 46-000
    Fax: 0721/3846-335
    E-Mail: bz.mittelbaden-nordschwarzwald@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    4. Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 03.01.2018 13:31:27


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