Deutscher Gewerkschaftsbund

Lehrjahre sind keine Herrenjahre - Was soll das?

Hallo :)
Mein Name ist Tom, ich bin 20 Jahre jung und Auszubildender im 2. Lehrjahr...Den Beruf des Industriekaufmann habe ich vor Allem deshalb gewählt, weil er neben dem Bankkaufmann am ehesten meinen Vorstellungen entspricht und auch langfrisitg für finanzielle Sicherheit sorgen kann. Mir ist sehr wohl klar, dass es Ausbildungsberufe gibt - Friseure, Altenpfleger und Co - die wahrscheinlich größere Probleme als ich haben.... Im Großen und Ganzen denke ich allerdings, dass es mal Zeit wird ein wenig Klarheit zu schaffen.

Zur Situation:

Als erster "offener" Homosexueller im Unternehmen war, wie ein Betriebsratsmitglied mir im Vertrauen sagte, die Diskussion schon vor meinem ersten Arbeitstag besonders groß - man tuschelte sich die Münder wund und zerfetzte sich die Mäuler... Nun bin ich schon mehr als 1 Jahr dabei und ich kann nicht wirklich sagen, dass es besser gewurden ist. Da gibt es Phämome wie:
1. Ich bekomme keine "schweren" bzw. anspruchsvollen Aufgaben in einigen Abteilungen. Auf Nachfrage heißt es dann "Wir haben leider nicht die Zeit dir das so ausführlich zu erklären"...Also bleibt es halt dabei, dass ich Bestellungen und Anfragen schreiben darf und z.B. Schlüssel zählen muss oder Papierschilder ausschneide.
2. Stelle ich einen Antrag, etwa für eine Freistellung zur Theorieprüfung oder weil ich im Dezember heiraten werde, dann benötigt die Genehmigung oder die Ablehnung extrem lang.
3. Mir werden gezielt Steine in den Weg gelegt - teilweise durch die Personalabteilung, aber auch durch normale Mitarbeiter - unverschämte Antworten auf E-Mails oder unqualifizierte Kommentare bis hin zu sinnfreien und unbegründeten Anschissen, weil ich entweder etwas angeblich falsch oder gar nicht gemacht habe, oder mich vor Arbeit drücken würde... Auch Aussagen wie "naja, Sie quatschen dort ja eh nur Leute dumm voll, das bringt Ihnen gar nichts" (und Schwups durfte ich eben nicht mit auf Messe fahren)....
4. Weiterbildungen oder zukunftsfördernde Dinge werden aus Prinzip abgelehnt. Ich wollte vor kurzem einen AdA-Schein machen, bei welchem Ich meinen AG nach finanzieller Unterstützung fragte - wurde abgelehnt, weil es für den AG nicht essentiell wäre. Ein andere AN hat die Unterstützung bekommen. Ich stehe kurz vor der Kleingewerbeanmeldung im Nebenerwerb, da ich mein Hobby mit anderen teilen möchte - seit fast 2 Monaten warte ich auf eine "Zustimmung" des Chefs - auch das scheint unserer Leitung mal wieder nicht zu passen..

Insbesondere benachteiligt fühle ich mich bei meiner Ausbilderin - letztens habe ich 40€Netto eingebüßt, weil ich die Änderung zum Bausparer schriftlich abgeben wollte, die Ausbilderin meinte, mündlich würde reichen und das ganze dann vergessen hat und zu mir meinte "sowas geht auch nur schriftlich".

Was mich am meisten jedoch stört ist, dass mein AG die im Ausbildungsvertrag geregelte Arbeitszeit bei weitem überdehnt und es dann an allen Anlaufstellen heißt "Lehrjahre sind keine Herrenjahre"...Ich gehe gerne arbeiten und übe meine Tätigkeit mit hoher Motivation aus. Wenn ich dann aber o.g. Umstände auswerte, dann frage ich mich wirklich, ob der AG mein Engagement schätzt oder ich schlichtweg eine billige Arbeitskraft bin.

Zum Hintergrund:
Vereinbart sind lt. Ausbildungsvertrag durchschnittlich 38h/Woche. Dies gilt für Arbeitswochen und für Berufsschulwochen. Im TV steht " Im Übrigen wird die Unterrichtszeit einschließlich der Pausen und der Wegezeiten zur
und von der Berufsschule auf die Ausbildungszeit des betreffenden Tages angerechnet." (gilt nur für Berufsschulwochen) - > d.h. ich gehe in Berufsschulwochen mindestens 46h arbeiten. Diese Zeit wird totgeschwiegen. Ähnliches, wenn wir als Azubis mal Überstunden machen. Bei einem Stadtfest oder anderen Festen beispielsweise heißt es dann "ja, ihr könnt die Überstunden absetzen" - da man die Abteilung aller 2-4 Wochen wechselt, wird das Absetzen oftmals jedoch abgelehnt, weil die Abteilungen der Meinung sind, dass die Überstunden in einer anderen Abteilung gemacht wurden.

Viele Azubis haben das Gefühl, dass uns der AG nicht vertraut. Jeder neue Mitarbeiter bekommt sofort bei Einstellung einen Schlüssel für die Eingangstür. Nur wir Azubis nicht - begründet mit der Vertrauensfrage - letztendlich stehe ich dann früh, gerade in den kalten Monaten besonders toll, 10 Minuten vor der Eingangstür, weil niemand kommt oder aufmacht und muss diese Zeit dann nacharbeiten, weil die Kollegen sonst sauer werden....

Ich muss das einfach mal los werden, weil man in usnerem Unternehmen nur auf taube Ohren stößt. Der Chef nimmt vor Allem die PA immer in den Schutz, weshalb ein Gespräch mit ihm besonders kontraproduktiv ist. Das letzte mal als ich Ihn darauf Ansprach meinte er "Sie müssen ja nicht mit jeden klar kommen".....

Vielleicht hat ja jemand einen Rat....

Lg

Tom

Tom: 05.12.2017 09:06:57 |
  • RE: Lehrjahre sind keine Herrenjahre - Was soll das?

    Lieber Tom,

    vielen Dank für deine Anfrage und Offenheit im Forum. Ich kann deinen Unmut gut verstehen. Bei dir im Betrieb scheint sich ja einiges angehäuft zu haben.

    Zu deinen einzelnen Punkten (1): Für jeden Beruf gibt es einen Ausbildungsrahmenplan, in dem genau steht, was du wann in deiner Ausbildung lernen sollst (Ausbildungsordnungen und Rahmenpläne findest du im Netz hier: http:/​/​www.bibb.de/​de/​berufesuche.php).

    Außerdem muss deinem Ausbildungsvertrag ein grober Ausbildungsplan angefügt werden, in dem der Verlauf deiner Ausbildung in deinem Betrieb aufgezeigt wird. Der Ausbilder darf dir nur Arbeiten auftragen, die dem Ausbildungszweck dienen (§14 Berufsbildungsgesetz). Leider passiert es relativ häufig, dass Auszubildende mit ausbildungsfremden Tätigkeiten beauftragt werden. Ausbildungsfremde Tätigkeiten (also Arbeiten, die nicht dem Ausbildungszweck dienen) sind z. B. regelmäßiges Putzen oder Botengänge.

    Alle diese Tätigkeiten sind verboten! Übrigens dienen auch unnötige Wiederholungen bereits gelernter Fähigkeiten – so genannte ausbildungsfremde Routinearbeiten – nicht dem Ausbildungszweck! Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach §102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld geahndet werden! Ich rate dir all deine Ausbildungstätigkeiten in dein Berichtsheft zu schreiben. So hast du eine gute Gesprächsgrundlage. Sprich die Situation bei deinem Chef an. Wenn kein Ausbildungsplan erstellt wurde, solltest du verlangen, dass dies so schnell wie möglich nachgeholt wird. Nenne deiner Ausbilderin konkrete Inhalte, die bis jetzt fehlen und die du laut Ausbildungsrahmenplan schon können müsstest. Gehe positiv in das Gespräch und sage gleich zu Anfang, dass es dir nicht darum geht zu kritisieren, sondern vielmehr darum, deinen Beruf richtig zu lernen. Schalte außerdem (falls vorhanden) den Betriebsrat ein.

    Zu deiner Freistellung (2). Hier hast du richtig gehandelt. Stelle einen schriftlichen Urlaubsantrag und bitte frühzeitig um mögliche Termine. Dein Ausbilder muss innerhalb von einem Monat auf deinen Antrag reagieren. Du solltest dir die Urlaubsgenehmigung für einen bestimmten Zeitraum unbedingt schriftlich geben lassen, so hättest du im Streitfall einen Nachweis und die Chancen stehen gut, dass du den Urlaub auch tatsächlich antreten kannst! Reagiert deine Ausbilderin nicht innerhalb von einem Monat kannst du davon ausgehen, dass dein Urlaub genehmigt ist. Trotzdem musst du aufpassen, wenn sich deine Ausbilderin dann plötzlich quer stellt. Denn auch, wenn du dich im Recht fühlst, weil der Urlaub schon genehmigt war: Eigenmächtiger Urlaubsantritt ist Kündigungsgrund (§22 Berufsbildungsgesetz). In diesem Fall solltest du dich lieber an deine Gewerkschaft wenden und versuchen deinen Urlaubswunsch mit legitimen Mitteln durchzusetzen.

    (3) Gezielte Schikanen und Diskriminierungen sind verboten. Seit 2006 gibt es das so genannte Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz/ Antidiskriminierungsgesetz. Es regelt, dass du das Recht hast, dich bei deinem Ausbilder zu beschweren, wenn es zu Diskriminierungen kommt. Der ist dann verpflichtet, dein Anliegen ernst zu nehmen, die Angriffe zu unterbinden und dich vor ihnen zu schützen. Die Vorfälle müssen häufig und wiederholt auftreten (ca. einmal die Woche) und sich über einen längeren Zeitraum erstrecken (mindestens ein halbes Jahr). Es muss sich um eine zielgerichtete, systematische und längerfristige Schikane/Diskriminierung handeln, die entweder von einer Person oder von einer Personengruppe ausgeht. Ich rate dir eine Art Tagebuch zu führen, indem du alle Vorfälle so genau wie möglich dokumentierst (so hast du einen guten Nachweis)- Zudem hat dein Ausbilder dir gegenüber eine Fürsorgepflicht nach dem Berufsbildungsgesetz. Seine Handlungsmöglichkeiten können vom Versetzen des Belästigenden in eine andere Abteilung bis hin zu sein einer Kündigung reichen.

    (4). Dein Betrieb hat die Pflicht dich auszubilden und dir eine qualifizierte Ausbildung anzubieten. Weiterbildungen sind ein Mittel, dich nach der Ausbildung zu fordern. So ist es auch sinnvoll den ADA Schein erst nach der Ausbildung zu machen, da er zum Ziel hat dich zu befähigen ausbilden zu dürfen. Hierfür als Grundlage benötigst du erst einmal eine vor der Kammer abgeschlossene Prüfung. Anders sieht es aus bei Ausbildungsinhalten, die dir nach dem Rahmenplan vermittelt werden müssen. Diese muss dein Betrieb dir vermitteln. Wenn er das nicht leisten kann, dann müssen Ausbildungsinhalte ausgelagert werden. Für deinen Nebenjob gilt auf jeden Fall: Du musst deinen Ausbilder über deinen Nebenjob informieren. Er darf ihn dir nur verbieten, wenn der Nebenjob die Ausbildung und deine Arbeitsleistung negativ beeinflussen. Das heißt er darf nicht zu deinem Haupterwerb werden. Hier rate ich dir, deinen Betrieb schriftlich darüber zu informieren. So hast du etwas in der Hand. So ist es in vielen Bereichen sinnvoll, wenn du Nachweise hast und Dinge schriftlich einreichst.

    Ich rate dir auch noch einmal mit deinem Chef das Gespräch zu suchen und ihm mitzuteilen, welche Auswirkungen ihre Handlungen auf dich haben.
    Zu deinen Überstunden- Überstunden müssen dir selbstverständlich vergütet oder in Freizeit ausgeglichen werden (§17 Berufsbildungsgesetz). Die Anrechnung der Berufsschulzeit auf die Arbeitszeit bei Volljährigen muss man sich erst einmal genauer anschauen.

    Auch Volljährige sind nach dem Gesetz für den Berufsschulunterricht freizustellen, die Teilnahme am Unterricht geht der betrieblichen Ausbildung vor (§15 Berufsbildungsgesetz). Das gilt auch dann, wenn du nicht mehr schulpflichtig bist. Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat in seinem Urteil vom 26. März 2001 (Az: 5 AZR 413/99) festgelegt, wie die Berufsschulzeiten auf die Arbeitszeit angerechnet werden müssen: Die Freistellung umfasst demnach nicht nur die reine Unterrichtszeit, sondern auch die Zeiten des notwendigen Verbleibs in der Berufsschule, zum Beispiel unterrichtsfreie Zeiten, Pausen und die Wegzeiten zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieb.

    Die Berufsschulzeit ist also auf die vertragliche Arbeitszeit anzurechnen, allerdings gibt es einen Haken: Eine Freistellung ist nur dann möglich, wenn sich Unterrichtszeit und Ausbildungszeit überschneiden. Findet die Berufsschule also zu Tageszeiten statt, an denen nicht regelmäßige Ausbildung stattfindet, erfolgt keine Freistellung und keine Anrechnung. Es kann also passieren, dass Auszubildende in bestimmten Fällen weit über die vertraglich geregelte Arbeitszeit hinaus Zeit in Berufsschule und Betrieb verbringen, die absolute Höchstgrenze liegt dabei bei der gesetzlich vorgeschriebenen Höchstarbeitszeit von 48 Stunden.

    Für deinen Betrieb scheint ein Tarifvertrag zu gelten und es scheint hier eine Regelung für die Anrechnung der Berufsschulzeit zu geben. Daher rate ich dir diese noch einmal genau prüfen zu lassen. Allgemein ist es bei deinen Überstunden wichtig, dass du dir gute Nachweise sammelst und Dienstpläne kopierst. Überstunden können nicht einfach „verfallen“, wenn du die Abteilung wechselst. Ich rate dir diesbezüglich auch noch mal in Kontakt mit deinem Betriebsrat zu treten um hier Unterstützung zu bekommen.

    Da du bereits Gewerkschaftsmitglied bist, rate ich dir mit ihr auch noch einmal Kontakt mit deiner zuständigen Gewerkschaft aufzunehmen und dir rechtlichen Rat zu holen.

    Hier ist ein Kontakt für dich:

    ver.di Pirna
    Königsteiner Straße 2
    01796 Pirna
    Tel.: 03501/5694-0
    Fax: 03501/528636

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    Ich wünsche dir viel Kraft, die vor dir liegenden Herausforderungen zu meistern. Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi
    P.S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 05.12.2017 18:41:32


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