Deutscher Gewerkschaftsbund

Arbeitszeiten und viele Überstunden

Hallo

Ich bin Lisa und 19 Jahre alt.
Ich mache eine Ausbildung zur kauffrau im Einzelhandel und befinde mich derzeit im ersten Lehrjahr so wie im letzten Monat der Probezeit.

Ich habe nach nur wenigen Monaten massiv viele Überstunden angesammelt welche mir nicht ausgezahlt oder angerechnet werden in Form von Freizeit Ausgleich.
Der Chef betitelt diese als „Freizeit „

Ich habe Eine volle 6 Tage Woche ohne einen Tag frei zu haben !
Von Mo-Sa 9:00-18:00 (von 13-14 Uhr Pause)
Und Mi+Sam nur von 9:00-13:00

In meinen Pausen muss ich zwischen den Filialen wechseln was Zeit beansprucht manchmal sogar die gesamte Pause.
Fahrtkosten und parken wird mir nicht bezahlt !
Ich bin also als Springer eingesetzt aber nicht eingestellt und bin jeden Tag woanders.

Meine Berufsschule fängt 7:50-12:50 an und dannach muss ich an beiden Tage von 14:00-18:00 Uhr arbeiten.
(Der laden öffnet erst um 9:00 Uhr !)
Die Pause geht für die Fahrt zur Filiale drauf.
Als ich drauf aufmerksam gemacht habe das mein Fahrtweg und meine Schulzeit zusammen gerechnet auf 1,5-2 (je nach Filiale ) Überstunden komme betitelte er dies als Freizeit da der Laden ja in der Pause zu wäre.
Bedeutet ich habe durch das pendeln und der Schule in der Woche bis zu 4 Überstunden welche mir nicht angerechnet werden.

Ist das rechtens ??

Lisa: 12.11.2017 17:29:21 |
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  • RE: Arbeitszeiten und viele Überstunden

    Hallo Lisa,

    Danke für deine Anfrage im Forum. Ich kann gut verstehen, dass du dich ärgerst und es ist gut, dass du dir Hilfe suchst.
    Du schreibst, dass du noch in der Probezeit bist. Das erschwert die ganze Sache ein wenig. Denn du weißt vielleicht: in der Probezeit kannst du ohne die Angabe von Gründen fristlos gekündigt werden. Deshalb solltest du mit Kritik sehr vorsichtig sein. Allerdings ist die Probezeit nicht nur für den Betrieb da. Sie ist auch für dich die Zeit, in der du dir den Betrieb ganz genau anschauen solltest, um zu entscheiden, ob du dort die nächsten drei Jahre verbringen möchtest und dort auch gut ausgebildet wirst.
    Wenn du also das Gefühl hast, dass du gut ausgebildet wirst und eigentlich nur die Arbeitszeiten nicht so ganz stimmen, dann solltest du bis nach der Probezeit warten, die Missstände mit den Überstunden anzusprechen.

    Nun zu deiner Arbeitszeit erstmal ein paar grundlegende Infos:
    Auch für Azubis über 18 Jahre gibt es Beschränkungen bei der Arbeitszeit. Die tägliche Höchstarbeitszeit liegt bei acht Stunden (§3 Arbeitszeitgesetz). Sie kann zwar auf zehn Stunden täglich und 60 Stunden wöchentlich verlängert werden – aber nur wenn innerhalb von sechs Monaten im Schnitt nicht mehr als acht Stunden gearbeitet wird. Für volljährige Azubis gibt es keine gesetzliche Regelung, welche die Fünf-Tage-Woche vorschreibt, der Samstag ist im Arbeitszeitgesetz ein ganz normaler Werktag. Volljährige dürfen in bestimmten Branchen auch am Sonntag und an Feiertagen beschäftigt werden, wenn die Arbeit nicht an anderen Tagen erledigt werden kann (§9,10 Arbeitszeitgesetz). Allerdings müssen mindestens 15 Sonntage im Jahr arbeitsfrei sein. Außerdem steht dir für die Beschäftigung an Sonntagen ein Ersatzruhetag zu, der innerhalb von zwei Wochen gewährt werden muss. Für die Beschäftigung an einem Feiertag, der auf einen Werktag fällt, steht dir ein Ersatzruhetag zu, der innerhalb von acht Wochen gewährt werden muss (§11 Arbeitszeitgesetz).

    Du darfst also nach dem Arbeitszeitgesetz an sechs Tagen pro Woche durchschnittlich 48 Stunden arbeiten. Trotzdem gilt für fast alle volljährigen Azubis ebenfalls die Fünf-Tage-Woche, weil sie in Tarifverträgen festgelegt ist. Und auch die Arbeitszeit ist oft in Tarifverträgen deutlich niedriger festgelegt. Bei deiner Gewerkschaft kannst du erfragen, ob es für deinen Ausbildungsberuf einen bindenden Tarifvertrag gibt.

    Auch bei Azubis über 18 Jahren muss die Arbeitszeit durch im Voraus feststehende Pausen unterbrochen werden. Arbeitspausen sind einerseits aus biologischen Gründen notwendig, andererseits dienen sie dazu, Überlastung und Unfallrisiken zu vermeiden. Die Pause muss bei einer Arbeitszeit von mehr als sechs Stunden mindestens 30 Minuten lang sein und bei einer Arbeitszeit von mehr als neun Stunden mindestens 45 Minuten. Du darfst nicht länger als sechs Stunden ohne Ruhepause beschäftigt werden (§4 Arbeitszeitgesetz).
    Falls dein Betrieb sich nicht an das Arbeitszeitgesetz hält, kannst du ihn bei der Gewerbeaufsicht anzeigen.

    Anrechnung der Berufsschulzeiten bei Volljährigen

    Auch Volljährige sind nach dem Gesetz für den Berufsschulunterricht freizustellen, die Teilnahme am Unterricht geht der betrieblichen Ausbildung vor (§15 Berufsbildungsgesetz). Das gilt auch dann, wenn du nicht mehr schulpflichtig bist. Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat in seinem Urteil vom 26. März 2001 (Az: 5 AZR 413/99) festgelegt, wie die Berufsschulzeiten auf die Arbeitszeit angerechnet werden müssen: Die Freistellung umfasst demnach nicht nur die reine Unterrichtszeit, sondern auch die Zeiten des notwendigen Verbleibs in der Berufsschule, zum Beispiel unterrichtsfreie Zeiten, Pausen und die Wegzeiten zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieb.

    Die Berufsschulzeit ist also auf die vertragliche Arbeitszeit anzurechnen, allerdings gibt es einen Haken: Eine Freistellung ist nur dann möglich, wenn sich Unterrichtszeit und Ausbildungszeit überschneiden. Findet die Berufsschule also zu Tageszeiten statt, an denen nicht regelmäßige Ausbildung stattfindet, erfolgt keine Freistellung und keine Anrechnung. Es kann also passieren, dass Auszubildende in bestimmten Fällen weit über die vertraglich geregelte Arbeitszeit hinaus Zeit in Berufsschule und Betrieb verbringen, die absolute Höchstgrenze liegt dabei bei der gesetzlich vorgeschriebenen Höchstarbeitszeit von 48 Stunden.

    Oft verlangen Ausbilder von volljährigen Azubis, dass sie nach der Berufsschule noch in den Betrieb kommen sollen. Hier gilt: Von der täglichen Arbeitszeit wird die gesamte Zeit in der Berufsschule abgezogen, falls die Berufsschule während der üblichen Arbeitszeit stattfindet. Außerdem wird der Weg von der Berufsschule in den Betrieb auf die Arbeitszeit angerechnet. Ist die Zeit, die der Azubi nach der Berufsschule noch im Ausbildungsbetrieb verbringen kann zu kurz, um dem Ausbildungszweck zu dienen – nämlich weniger als 30 Minuten, kann der Ausbilder die Rückkehr des Azubis nicht verlangen.

    Ein Beispiel:
    Ein volljähriger Azubi hat eine vertraglich vereinbarte 40-Stunden-Woche. Die betriebliche Arbeitszeit des Azubis dauert täglich von 9 bis 18 Uhr. Der Berufsschulunterricht findet einmal wöchentlich von 8 bis 13.30 Uhr statt. Für die Fahrt in den Betrieb benötigt der Auszubildende 45 Minuten. In diesem Fall muss er nach dem Berufsschulunterricht von 14.15 bis 18.00 Uhr im Betrieb anwesend sein. Da zwischen 8 Uhr und 9 Uhr keine betriebliche Ausbildung stattfindet, ist eine Freistellung in dieser Zeit nicht möglich. Nimmt man nun die Summe der Berufsschulzeiten und der betrieblichen Ausbildungszeiten, kommt der Auszubildende auf 41 Stunden wöchentliche Arbeitszeit. Diese Mehrarbeit muss er hinnehmen und zwar bis zu einer Höchstgrenze von 48 Stunden.

    Dies führt zu immensen Ungerechtigkeiten: Besonders hart trifft es Auszubildende mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten wie zum Beispiel Bäcker. Es kann aber auch vorkommen, dass Auszubildende in ein und demselben Betrieb unterschiedliche Klassen besuchen und an unterschiedlichen Tagen beschult werden. Sind die betrieblichen Ausbildungszeiten unregelmäßig, kann dies bedeuten, dass einigen Auszubildenden die Berufsschulzeit voll angerechnet wird, anderen nicht. Einige zuständige Stellen haben sich in Richtlinien für die weitere Anrechnung von acht Stunden ausgesprochen. In großen Betrieben wird die Freistellung oftmals in Betriebsvereinbarungen geregelt und es gibt auch Tarifverträge, die eine pauschale Anrechnung festlegen. Trotz des Urteils kommt es immer wieder zu starken Ungerechtigkeiten, die Situation ist für viele Auszubildende und Ausbilder unübersichtlich. Die Gewerkschaften fordern seit langem eine gesetzliche Klarstellung, aber auch im neuen Berufsbildungsgesetz hat sich nichts geändert!

    Falls dein Betrieb sich nicht an das Arbeitszeitgesetz hält, kannst du ihn bei der Gewerbeaufsicht anzeigen.

    Dr. Azubi: 14.11.2017 12:21:09


  • RE: Arbeitszeiten und viele Überstunden

    Die Fahrtzeit zwischen den verschiedenen Filialen und der Berufsschule und dem Betrieb müssen dir als Arbeitszeit berechnet werden, auch wenn der Laden in der Zeit geschlossen hat. Denn die Fahrten sind betrieblich veranlasst.
    Wichtig ist, dass du immer einen Nachweis über deine Überstunden hast. Am besten ist natürlich ein Dienstplan. Du kannst die Arbeitszeiten auch selbst mitschreiben (das solltest du unbedingt tun) und am besten den Ausbilder unterschreiben lassen.
    Nun aber noch ein paar interessante Infos zum Thema Überstunden:
    Das mag sich jetzt für viele Azubis seltsam anhören aber: Überstunden musst du als Azubi – im Gegensatz zu normalen Mitarbeitern - nur freiwillig machen. Warum? Du machst keine Ausbildung, um zu arbeiten, sondern um zu lernen, und die normale vereinbarte Arbeitszeit reicht aus, um die Lerninhalte zu vermitteln. Daraus ergibt sich auch folgender Grundsatz: Auch die Überstunden müssen immer dem Zweck der Ausbildung dienen, das heißt dein Ausbilder oder eine ausbildungsbeauftragte Person müssen anwesend sein, wenn du Überstunden leistest! Die Überstunden, die du ansammelst, müssen dir in der Folge ausgeglichen werden (§17 Berufsbildungsgesetz). Entweder in Freizeit oder in Vergütung.

    Wenn du keine Überstunden mehr machen willst, dann solltest du 1. Nach der Probezeit zunächst um ein Gespräch mit deinem Ausbilder bitten. Nimm, falls möglich, ein Betriebsrat-Mitglied mit. Sage im Gespräch, dass du nicht bereit bist, weiter so viele Überstunden zu leisten, und berufe dich auf die festgelegte Ausbildungszeit.

    2. Eine schriftliche Aufforderung schreiben. Hebe die Kopie des Schreibens auf:
Musterbrief:
    Adresse Azubi
    Adresse Betrieb

    Ort/Datum
    Hinweis auf die vertraglich festgelegte Ausbildungszeit

    Sehr geehrte/r Frau/Herr …...........,

    Laut Ausbildungsvertrag beträgt meine tägliche Arbeitszeit …. Stunden.
Die vertraglich festgelegte Ausbildungszeit reicht aus, um die Ausbildungsinhalte zu vermitteln. Trotzdem muss ich regelmäßig Überstunden leisten.

    Einige Beispiele:


    Datum …..... Arbeitszeit von …... bis ….... Überstunden …...

    Datum …..... Arbeitszeit von …... bis ….... Überstunden …...

    Datum …..... Arbeitszeit von …... bis ….... Überstunden …...

    Die Überstunden dienen oft nicht dem Ausbildungszweck.
Während der Überstunden ist häufig kein Ausbilder anwesend.
Diese Arbeitszeiten verstoßen zudem gegen das ArbZG.

    Ich fordere Sie hiermit schriftlich auf, sich an die vertraglich festgelegte Arbeitszeit zu halten und Überstunden zukünftig nur noch in betrieblichen Notfällen anzuweisen.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Unterschrift Azubi …...................

    3. Falls die Überstunden unbezahlt sind, solltest du sie möglichst bald schriftlich geltend machen. Wenn der Betrieb merkt, dass deine Arbeit nicht gratis ist, überlegt er es sich vielleicht anders.

    4. Falls das alles nicht hilft kannst du den Rechtsweg einschlagen. Dazu wende dich an deine Gewerkschaft, der Rechtsschutz den du dort hast, reicht für die arbeitsrechtlichen Streitfälle aus.

    ver.di Geschäftsstelle Herford
    Kreishausstraße 6 a
    32051 Herford
    Tel.: 05221/9134-0
    E-Mail: bz.hermili@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    Du schreibst, dass du durch die Tätigkeit als Springer erhöhte Fahrtkosten hast. In deinem Ausbildungsvertrag steht dein Ausbildungsort und vielleicht sogar noch die ein oder andere Filiale, in der du eingesetzt wirst. Die Fahrten zu allen Orten, die im Ausbildungsvertrag vermerkt sind, musst du finanziell selbst bestreiten. Wenn du auch Fahrten bezahlen musst, die an einen anderen Ort führen, als die im Ausbildungsvertrag vermerkten, dann muss sich dein Ausbilder an den Fahrtkosten beteiligen, bzw. dir das Ticket dorthin zur Verfügung stellen.

    Viel Erfolg und viel Kraft für die vor dir liegenden Herausforderungen! Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße


    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 14.11.2017 12:21:40


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