Deutscher Gewerkschaftsbund

Arbeitszeiten und weiteres

Hallo ich habe ein paar fragen und zwar sagt mein chef ich habe als azubi über 100 minus Stunden laut meinem chef ob wohl ich nur nach dem plan arbeite ...

Wir dürfen nicht 2 wochen am stück urlaub nehmen

Wenn ich in meinem freien tag einspringe bekomme ich keinen Ausgleich

Mein chef zahlt mir keine zuschläge weil ich zu oft krank wahr aber anderem azubi schon das gleiche mit dem Ausgleich tagen

Er achtet nicht auf ruhezeiten

Und ich lerne nichts auch wenn es durch ausbildungsrahmens vertrag unterschrieben ist ich bin für ihn.nur ein weiterer billiger Mitarbeiter

TIM: 23.09.2017 17:21:30 |
  • RE: Arbeitszeiten und weiteres

    Hallo TIM,

    Danke für deine Anfrage im Forum. Ich kann gut verstehen, dass du dich ärgerst. Es ist deshalb gut, dass du dir bei uns Hilfe suchst.
    Erstmal will ich dir ein paar rechtliche Infos zu deinen Themen geben:

    Minusstunden:
    Immer wieder gibt es Azubis, die plötzlich von ihrem Ausbilder erfahren, dass sie Minusstunden angesammelt hätten. In der Regel ist diese Berechnung von Minusstunden nicht rechtens. Denn die Ausbildungsvergütung muss weitergezahlt werden, wenn die Ausbildung aus Gründen, für die du nichts kannst, ausfällt, obwohl du bereitstehen würdest (§19 Berufsbildungsgesetz). Klassisches Beispiel: Dein Ausbilder schickt dich Heim, weil nichts mehr zu tun ist. Oder du bekommst einen Anruf, dass du gar nicht erst kommen sollst. In diesen Fällen bist du bezahlt freigestellt und sammelst keine Minusstunden an. Denn du hast ein Recht darauf, die festgelegte tägliche Arbeitszeit auch zu arbeiten und zu lernen, und wenn es nichts zu tun gibt, kann sich dein Ausbilder ja Lernaufgaben für dich ausdenken: Du bist schließlich Azubi. Du solltest also prüfen, ob die Minusstunden wirklich durch dein Verschulden zu Stande gekommen sind. Wenn nicht, dann dürfen sie dir auch nicht angerechnet werden.

    Urlaub:
    Dein Urlaub sollte zusammenhängend gewährt werden und du hast einen Rechtsanspruch darauf, zwei Wochen deines Jahresurlaubs am Stück und in einer berufsschulfreien Zeit zu nehmen (§7 Bundesurlaubsgesetz). Du solltest nochmal schriftlich einen Urlaubsantrag stellen und deinen Chef um Ausweichtermine bitten, wenn es zu deinem vorgeschlagenen Termin nicht möglich ist, Urlaub zu nehmen.

    Ruhezeiten:
    Du schreibst, dass sich dein Chef nicht an die Ruhezeiten hält.
    In manchen Betrieben müssen Azubis Schichtarbeit leisten oder haben flexible Arbeitszeiten. Schichtarbeit kann bedeuten, dass der Azubi nach einer späten Schicht am nächsten Tag eine Frühschicht hat. Bei Schichtarbeit oder flexiblen Arbeitszeiten gilt für Volljährige: Zwischen dem Arbeitsende und dem Arbeitsbeginn müssen auf jeden Fall elf Stunden Freizeit liegen (§ 5 ArbZG).

    Ausgleich bei Einspringen:
    Wenn du spontan für andere Kollegen einspringst, dann muss dir das natürlich als Arbeitszeit angerechnet werden. Du solltest dabei sicherstellen, dass sich dein Betrieb auch an die gesetzlich geregelten Arbeitszeiten hält. Tut er das nicht, solltest du auch nicht mehr einspringen. Denn ich gehe davon aus, dass wenn du einspringst, du Überstunden ansammelst. Überstunden musst du in der Ausbildung nicht machen, denn die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit reicht aus, um deinen Beruf zu erlernen.

    Nachteile durch Krankheit:
    Du schreibst, dass dir Nachteile entstehen, wenn du krank warst. Solange du entschuldigt krank warst, dürfen dir keine Nachteile entstehen, oder gar Minusstunden angerechnet werden. Denn die Ausbildungsvergütung muss weitergezahlt werden, wenn du krank bist (§7 Abs. 1 des Entgeltfortzahlungsgesetzes).

    Rahmenplan:
    Du schreibst, dass sich dein Betrieb nicht an den Ausbildungsrahmenplan hält. Du hast sogar das Gefühl, nur als billige Arbeitskraft missbraucht zu werden. Wenn dich dein Betrieb nicht gemäß Ausbildungsrahmenplan ausbildet, dann ist dein Ausbildungsziel gefährdet und du solltest dich wehren.
    Bitte deinen Chef um ein Gespräch und erkläre ihm ruhig und sachlich, dass du Angst hast, dein Ausbildungsziel nicht zu erreichen. Am besten nimmst du den Ausbildungsplan mit in das Gespräch. Wenn kein Ausbildungsplan erstellt wurde, solltest du verlangen, dass dies so schnell wie möglich nachgeholt wird. Nenne konkrete Inhalte, die bis jetzt fehlen und die du laut Ausbildungsrahmenplan schon können müsstest. Gehe positiv in das Gespräch und sage gleich zu Anfang, dass es dir nicht darum geht zu kritisieren, sondern vielmehr darum, deinen Beruf richtig zu lernen. Schalte außerdem (falls vorhanden) den Betriebsrat ein.

    Wenn das Gespräch nichts bringt, solltest du den Ausbilder schriftlich auffordern. Hebe eine Kopie des Schreibens auf. Hier ist ein Musterbrief:

    Sehr geehrter Herr/Frau ____________,
    laut § 14 Berufsbildungsgesetz müssen Sie mich entsprechend des gesetzlichen und betrieblichen Ausbildungsplans ausbilden. Ich habe jedoch wichtige berufliche Fertigkeiten noch nicht erlernt, die ich zum jetzigen Zeitpunkt meiner Ausbildung längst beherrschen müsste. Einige Beispiele:
    - (Berufliche Fertigkeiten)
    - (Berufliche Fertigkeiten)
    Ich fordere Sie hiermit schriftlich auf, mir die gesetzlich vorgeschriebenen Inhalte zu vermitteln und mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich als Ausbilder nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Unterschrift Azubi ____________

    Wenn auch das Schreiben nichts bringt, dann solltest du dich an deine Gewerkschaft wenden. Hier ist ein Kontakt für dich vor Ort:

    Ver.di Geschäftsstelle Nürnberg
    Kornmarkt 5-7
    90402 Nürnberg
    Tel.: 0911/23557-0
    E-Mail: bz.mfr@verdi.de

    Da kannst du anrufen, nach einem_r Jugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    Wie oben bereits geschrieben, solltest du nochmal mit deinem Ausbilder sprechen. Da bei dir im Betrieb so einiges schief läuft, kann es sein, dass sich nicht viel bessert. Du solltest dir deshalb Gedanken über einen Ausbildungsplatzwechsel machen.
    Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du am Besten folgendermaßen vor:
    1. Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de, oder www.ihk.de. Schau auch in den Stellenportalen im Internet nach sowie in der Zeitung und oder frag im Bekanntenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

    2. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist.

    3. Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.


    4. Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 26.09.2017 10:50:09


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