Deutscher Gewerkschaftsbund

Arbeitszeiten..

Hallo, ich hab ein paar fragen.. ich bin kurz vorm nerven Zusammenbruch weil mir das alles zu viel wird momentan. Ich arbeite im Einzelhandel und habe eine 40 Stunde Woche. Ich muss auf die ca 175 Stunden im Monat kommen. Ich arbeite aber nach der Schule auch. Das heißt Schulzeit 8-13.30 und dann bis 20 Uhr arbeiten mit einer halben Stunde Pause. Das mache ich dann 2 mal pro Woche. Wenn ich normal arbeite von 9.30 bis 20 Uhr mit 1.30 Pause. Ich bin einfach komplett überfordert und fühle mich ausgenutzt.. darf man das??

Und darf ich sonntags arbeiten und Montag dann Schulzeit plus danach noch arbeiten? Ich will endlich wissen was meine Rechte als Azubis sind.. ich bitte um Hilfe.

Sophia : 11.09.2017 19:12:10 |
  • RE: Arbeitszeiten..

    Hallo Sophia,

    Danke für deine Anfrage im Forum. Ich kann verstehen, dass dich die Arbeitszeiten ganz schön unter Druck setzen und es ist gut, dass du dir bei uns Hilfe suchst. Ich gehe bei deiner Anfrage davon aus, dass du schon volljährig bist.

    Erstmal zur Anrechnung der Berufsschulzeiten auf die Arbeitszeit:
    Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat in seinem Urteil vom 26. März 2001 (Az: 5 AZR 413/99) festgelegt, wie die Berufsschulzeiten auf die Arbeitszeit angerechnet werden müssen: Die Freistellung umfasst demnach nicht nur die reine Unterrichtszeit, sondern auch die Zeiten des notwendigen Verbleibs in der Berufsschule, zum Beispiel unterrichtsfreie Zeiten, Pausen und die Wegzeiten zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieb.

    Die Berufsschulzeit ist also auf die vertragliche Arbeitszeit anzurechnen, allerdings gibt es einen Haken: Eine Freistellung ist nur dann möglich, wenn sich Unterrichtszeit und Ausbildungszeit überschneiden. Findet die Berufsschule also zu Tageszeiten statt, an denen nicht regelmäßige Ausbildung stattfindet, erfolgt keine Freistellung und keine Anrechnung. Es kann also passieren, dass Auszubildende in bestimmten Fällen weit über die vertraglich geregelte Arbeitszeit hinaus Zeit in Berufsschule und Betrieb verbringen, die absolute Höchstgrenze liegt dabei bei der gesetzlich vorgeschriebenen Höchstarbeitszeit von 48 Stunden.
    Oft verlangen Ausbilder von volljährigen Azubis, dass sie nach der Berufsschule noch in den Betrieb kommen sollen. Hier gilt: Von der täglichen Arbeitszeit wird die gesamte Zeit in der Berufsschule abgezogen, falls die Berufsschule während der üblichen Arbeitszeit stattfindet. Außerdem wird der Weg von der Berufsschule in den Betrieb auf die Arbeitszeit angerechnet. Ist die Zeit, die der Azubi nach der Berufsschule noch im Ausbildungsbetrieb verbringen kann zu kurz, um dem Ausbildungszweck zu dienen – nämlich weniger als 30 Minuten, kann der Ausbilder die Rückkehr des Azubis nicht verlangen.
    Ein Beispiel:
    Ein volljähriger Azubi hat eine vertraglich vereinbarte 40-Stunden-Woche. Die betriebliche Arbeitszeit des Azubis dauert täglich von 9 bis 18 Uhr. Der Berufsschulunterricht findet einmal wöchentlich von 8 bis 13.30 Uhr statt. Für die Fahrt in den Betrieb benötigt der Auszubildende 45 Minuten. In diesem Fall muss er nach dem Berufsschulunterricht von 14.15 bis 18.00 Uhr im Betrieb anwesend sein. Da zwischen 8 Uhr und 9 Uhr keine betriebliche Ausbildung stattfindet, ist eine Freistellung in dieser Zeit nicht möglich. Nimmt man nun die Summe der Berufsschulzeiten und der betrieblichen Ausbildungszeiten, kommt der Auszubildende auf 41 Stunden wöchentliche Arbeitszeit. Diese Mehrarbeit muss er hinnehmen und zwar bis zu einer Höchstgrenze von 48 Stunden.
    Deine reguläre Arbeitszeit geht von 09:30 bis 20:00 (1,5 Stunden Pause). Die Berufsschule wird deshalb erst ab 09:30 angerechnet. Daraus ergibt sich, dass dir 4 Stunden auf deine Arbeitszeit angerechnet werden müssen. Die Fahrtzeit zwischen Schule und Betrieb kommt dann noch obendrauf. Ich nehme jetzt einfach mal an, dass die Fahrtzeit 0,5 Stunden beträgt, damit es sich leichter rechnen lässt. Du kommst dann auf 4,5 Stunden. Dann darfst du noch 3,5 Stunden arbeiten plus 0,5 Stunden Pause, ohne Überstunden zu machen. Das bringt uns zum nächsten Thema.

    Überstunden:
    Das mag sich jetzt für viele Azubis seltsam anhören aber: Überstunden musst du als Azubi – im Gegensatz zu normalen Mitarbeitern - nur freiwillig machen. Warum? Du machst keine Ausbildung, um zu arbeiten, sondern um zu lernen, und die normale vereinbarte Arbeitszeit reicht aus, um die Lerninhalte zu vermitteln. Daraus ergibt sich auch folgender Grundsatz: Auch die Überstunden müssen immer dem Zweck der Ausbildung dienen, das heißt dein Ausbilder oder eine ausbildungsbeauftragte Person müssen anwesend sein, wenn du Überstunden leistest!

    Du frägst außerdem, ob du auch an Sonntagen arbeiten darfst.
    Auch für Azubis über 18 Jahre gibt es Beschränkungen bei der Arbeitszeit. Die tägliche Höchstarbeitszeit liegt bei acht Stunden (§3 Arbeitszeitgesetz). Sie kann zwar auf zehn Stunden täglich und 60 Stunden wöchentlich verlängert werden – aber nur wenn innerhalb von sechs Monaten im Schnitt nicht mehr als acht Stunden gearbeitet wird. Für volljährige Azubis gibt es keine gesetzliche Regelung, welche die Fünf-Tage-Woche vorschreibt, der Samstag ist im Arbeitszeitgesetz ein ganz normaler Werktag. Volljährige dürfen in bestimmten Branchen auch am Sonntag und an Feiertagen beschäftigt werden, wenn die Arbeit nicht an anderen Tagen erledigt werden kann (§9,10 Arbeitszeitgesetz). Allerdings müssen mindestens 15 Sonntage im Jahr arbeitsfrei sein. Außerdem steht dir für die Beschäftigung an Sonntagen ein Ersatzruhetag zu, der innerhalb von zwei Wochen gewährt werden muss.

    Es ist klar, dass dich die Arbeitszeiten stark belasten, denn wenn du auch an den Wochenenden arbeitest, dann hast du ja fast keine Zeit mehr für dich selbst. Du solltest deshalb mit deiner/m Ausbilder/in sprechen und offen und ehrlich sagen, dass dich die langen Tage und die Arbeit an Sonntagen stark belasten. Sag ruhig und sachlich, dass du dich auch mal erholen musst, um in der Arbeit wieder fit zu sein. Wie du oben gelesen hast, bist du nicht dazu verpflichtet Überstunden zu machen. Auch das kannst du deinem Betrieb mitteilen.
    Wenn das Gespräch zu keiner Einigung führt, dann solltest du deinen Betrieb nochmals schriftlich auf deine Überstunden aufmerksam machen. Hier ein Musterbrief:
    Adresse Azubi

    Adresse Betrieb

    Ort/Datum
Hinweis auf die vertraglich festgelegte Ausbildungszeit

    Sehr geehrte/r Frau/Herr …...........,

    Laut Ausbildungsvertrag beträgt meine tägliche Arbeitszeit …. Stunden.
Die vertraglich festgelegte Ausbildungszeit reicht aus, um die Ausbildungsinhalte zu vermitteln. Trotzdem muss ich regelmäßig Überstunden leisten.

    Einige Beispiele:


    Datum …..... Arbeitszeit von …... bis ….... Überstunden …...

    Datum …..... Arbeitszeit von …... bis ….... Überstunden …...

    Datum …..... Arbeitszeit von …... bis ….... Überstunden …...

    Die Überstunden dienen oft nicht dem Ausbildungszweck.
Während der Überstunden ist häufig kein Ausbilder anwesend.
Diese Arbeitszeiten verstoßen zudem gegen das ArbZG.

    Ich fordere Sie hiermit schriftlich auf, sich an die vertraglich festgelegte Arbeitszeit zu halten und Überstunden zukünftig nur noch in betrieblichen Notfällen anzuweisen.

    Mit freundlichen Grüßen,
Unterschrift Azubi …...................

    Falls die Überstunden unbezahlt sind, solltest du sie möglichst bald schriftlich geltend machen. Wenn der Betrieb merkt, dass deine Arbeit nicht gratis ist, überlegt er es sich vielleicht anders.

    Falls auch das Schreiben zu keiner Besserung führt, solltest du dich an deine Gewerkschaft vor Ort wenden. Hier ist ein Kontakt für dich:

    Ver.di Geschäftsstelle Oberhausen
    Helmholtzstr. 48
    46045 Oberhausen
    Tel.: 0208/45671-0
    E-Mail: bz.mh-ob@verdi.de

    Da kannst du anrufen, nach einem_r Jugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi
    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 12.09.2017 15:47:37


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