Deutscher Gewerkschaftsbund

Pilotprojekt bei Airbus

Eurobetriebsräte gibt es in den multinationalen Unternehmen bereits zu Hunderten. Doch den Azubis und jungen Mitarbeitern fehlt bislang eine eigene Vertretung. Das soll sich ändern.

Airbus ist ein guter Anfang. Denn Airbus ist zunächst ein Luftfahrtunternehmen, aber es ist auch ein Experiment, das sich zu einem europäischen Vorzeigeunternehmen gemausert hat. Und das in verschiedener Hinsicht. Als die Deutsche Aerospace und die französische Aerospatiale sich 1970 zu einem Konsortium zusammenschlossen, geschah das vor allem, um Boeing, der übermächtigen Konkurrenz aus den USA, ein europäisches Schwergewicht entgegenzusetzen. 1971 trat die spanische CASA bei, 1979 die British Aerospace. Als sich alle Konsortiumsfirmen außer British Aerospace im Jahr 2000 zur European Aeronautic, Defense und Space Company EADS zusammen taten, wandelten sie auch den losen Zusammenschluss Airbus in eine normale Gesellschaft um, die Airbus SAS, die ihren Sitz in Toulouse hat. Schon 1998 verkaufte Airbus mehr Modelle als Boeing, aber erst im letzten Jahr hatte das Unternehmen auch den höheren Umsatz. Das Unternehmen beschäftigt weltweit 48.500 Menschen und hat allein in Europa 16 Standorte in Frankreich, Deutschland, Spanien und Großbritannien.

Einen Europäischen Betriebsrat (EBR) gibt es deshalb schon länger. Nun soll Airbus auch den Rahmen für ein weiteres Experiment abgeben: für die Europäisierung der Vertretungsstrukturen von Jugendlichen und Auszubildenden.

Vorangetrieben wird das Projekt von Jaques Bister und Michael Holdingshausen von der DGB Jugend West. Aber auch ohne die – bereits vorhandenen – Auslandskontakte des Airbus-Betriebsrates und der gesamtdeutschen Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) wäre es schwierig geworden.

Es begann im Herbst 2002 mit einem ersten Treffen im Haus der Gewerkschaftsjugend in Oberursel, zu dem junge Mitarbeiter und Auszubildende von Airbus zusammen kamen, um die Sozialpolitik in der Europäischen Union zu diskutieren und die Art der Interessenvertretung von Arbeitnehmern in Frankreich und Deutschland und besonders des EBR zu vergleichen sowie die Möglichkeit für Azubis und junge Mitarbeiter auszuloten, ihr Mitspracherecht in den multinationalen Unternehmen zu stärken. Aus dem Kontakt wurde Zusammenarbeit und schließlich ein Best-Practise-Modell (mehr dazu siehe unten): Die Mitsprache sollte es nicht nur auf dem Papier geben. Ziel ist eine Betriebsvereinbarung, in der jugendspezifische Rechte berücksichtigt werden sollen. Bisher hat der Airbus-EBR die Idee unterstützt. Der Erfolg ist also wahrscheinlich.

Konkret soll das neue Gremium ähnlich konstruiert sein und arbeiten wie eine deutsche JAV – nur dass es nicht nur überregional, sondern auch übernational arbeitet. »Die Aufgabe müsste sein, dafür Sorge zu tragen, dass die Ausbildung innerhalb des Unternehmens an allen Standorten vergleichbar gestaltet ist«, erklärt Andreas Schmidt, der seit September 2000 im Hamburger Airbus-Werk zum Fluggerätemechaniker ausgebildet wird und Mitglied der dortigen JAV ist. Und dass die Ausbildung insgesamt verbessert werde. Zudem müsse die gemeinsame Einrichtung die Informations- und Mitspracherechte haben, die sie bräuchte, um die Umsetzung von Beschlüssen zu überwachen. »Außerdem könnten wir länderübergreifende Forderungen gegenüber dem Management besser durchsetzen.«

Nach den bisherigen Plänen soll das europäische Jugendgremium aus Repräsentanten aller Standorte bestehen, die eine Jugendvertretung haben. Das wären zumindest alle deutschen Werke, in Spanien dagegen wird beispielsweise gar nicht ausgebildet. Ein zentrales Büro ist nicht vorgesehen. Schließlich gibt es inzwischen genug technische Möglichkeiten, mit denen die verschiedenen gewählten Mitglieder von jedem beliebigen Ort telefonisch oder elektronisch miteinander kommunizieren könnten. Die gemeinsame Sprache soll Englisch sein. Die nationalen JAVen würden natürlich bestehen bleiben, so Schmidt. »Es gibt doch immer regionale Probleme.«

Dass die Umsetzung nicht einfach wird, ist klar. Allein die Zusammenarbeit in den verschiedenen deutschen Werken im Rahmen einer gemeinsamen JAV ist kompliziert genug – und das schon ohne Sprachbarrieren. Derzeit konzentriert sich die Arbeit darauf, die Ausbildung zu harmonisieren, zu verbessern – und die JAV-Arbeit mit den beruflichen Anforderungen vereinbar zu machen. Hier brauche man vielleicht doch Freistellungen für ausgelernte JAVis, damit man sich auch auf andere Probleme konzentrieren könne, so Schmidt. Dann könne man sich beispielsweise auch um die Frage kümmern, wie man Mitsprachemöglichkeiten beim EBR erwirkt.


Das best-practice-Modell bei Airbus – Ein Werkstattbericht

Immer mehr Jugendliche sind in multinationalen Unternehmen beschäftigt und werden im Rahmen ihrer Ausbildung auch häufig an Standorte im Ausland entsendet. In den dortigen Arbeitnehmergremien haben sie jedoch keinerlei Stimme. Das ist nicht nur eine praktische Erfahrung vieler Auszubildender, sondern lässt sich auch durch Studien des Europäischen Gewerkschaftsinstituts stützen. Ein unhaltbarer Zustand, finden Michael Holdinghausen und Jacques Bister vom DGB West, die schon im September 2003 ein Projekt starteten, das die »Partizipation von Jugendlichen in multinationalen Unternehmen« gewährleisten und verbessern soll.

Schon im Vorfeld des Projekts hatten Bister und Holdinghausen die internationale Jugendbildungsarbeit mit bi- und trinationalen Seminaren vorangetrieben sowie verstärkte Kontakte zu den ausländischen Partnerorganisationen des DGB West aufgenommen. Gemeinsam mit dem Französischen Gewerkschaftsverband Force Ouvriere in Dijon, der UGT Valencia, der CGIL Florenz sowie der ungarischen VdSZ beantragten sie bei der Europäischen Kommission in Brüssel eine Förderung für das transnationale Projekt. Unterstützt wurden sie von der EGB-Jugend, dem Europäischen Gewerkschaftsinstitut und dem Bundesbildungszentrum der DGB-Jugend. Schon ab August 2003 konnte Jacques Bister mit der Vorbereitung und Betreuung beauftragt werden.

Anfangs ging es vor allem darum, über Datenbanken des Europäischen Gewerkschaftsinstituts und andere Recherchewege Informationen zu den Standorten und Hauptsitzen der relevanten multinationalen Unternehmen zu sammeln. Als besonders schwierig stellte es sich heraus, bei den Partnerorganisationen, also den ausländischen Gewerkschaften, die richtigen Ansprechpartner für den Bereich Jugend zu finden.

Vom 26. bis zum 31. Oktober trafen sich schließlich alle zu einer ersten gemeinsamen Besprechung in der Bildungsstätte der Arbeiterkammer im Saarland in Kirkel. Dort ging es darum, die jeweiligen Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretungssysteme der anderen Länder sowie den EGB und seine Arbeit kennen zu lernen und erste gemeinsame Ziele zu verankern. Außerdem sollten gemeinsame Schulungen an den jeweiligen Standorten multinationaler Unternehmen, die Jugendliche für eine gemeinsame europäische Vertretungsform sensibilisieren können, entwickelt werden. Die Überlegungen, welche multinationalen Unternehmen Standorte in den Regionen der beteiligten Partnerorganisationen haben und welches sich besonders für ein Best-Practice-Modell eignet, konzentrierten sich schnell auf den Airbus-Konzern – schließlich hatte die DGB-Jugend West mit den dort beschäftigten Jugendlichen bereits ein Jahr zuvor ein europäisches Seminar veranstaltet, das zum Ziel hatte, Partizipationsmöglichkeiten für Jugendliche innerhalb des Europäischen Betriebsrates (EBR) zu verankern.

Zu einem zweiten Seminar im März im spanischen Valencia waren auch verantwortliche Gewerkschafter und Euro-Betriebsräte eingeladen, mit denen gemeinsam die Basis für eine aktive Beteiligung Jugendlicher an den Arbeiten des EBR gelegt werden sollte. Im Mai 2004 findet in Brüssel eine größere Internationale Konferenz statt, bei der die Verantwortlichen und die Vorsitzenden der regionalen Dachverbände gemeinsam mit dem EGB, den Europäischen Betriebsräten der bisher betroffenen multinationalen Unternehmen, der Europäischen Kommission sowie Verantwortlichen der Einzelgewerkschaften nach Möglichkeiten Ausschau halten werden, wie das Projekt auch zukünftig weitergeführt und vor allem auf eine breitere Grundlage gestellt werden kann.

Potenzielle Teamer und Verantwortliche der Jugendabteilungen der Einzelgewerkschaften mit direktem Bezug zu multinationalen Unternehmen sind herzlich eingeladen, Bister und Holdinghausen zu kontaktieren, und zwar unter Jacques.Bister@dgb.de


(aus der Soli extra "Für ein solidarisches Europa", Frühjahr 2004, Autoren Jacques Bister/Enno Bolten)

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